Ein paar Unterschriften kurz vor Mitternacht haben Vanke vorerst vor dem freien Fall bewahrt – aber eben nur vorerst. Am Montag, 22. Dezember, um 23.00 Uhr chinesischer Zeit bekam der angeschlagene Entwickler eine Gnadenfrist. Die Kreditgeber ließen Vanke China – Nummer drei nach den bereits gestürzten Riesen Evergrande und Country Garden – nicht sofort über die Klinge springen. Das Ganze wirkt trotzdem wie eine Szene aus einem Thriller: Der Abgrund ist da, nur das Geländer hält noch.
Konkret geht es um eine Unternehmensanleihe über 2 Milliarden Yuan (rund 284 Millionen Dollar), die am 15. Dezember fällig war – ohne dass Vanke sie zurückgezahlt hat. Am Montagabend lief die erste Schonfrist ab. Die Gläubiger hatten die Wahl: neue Bedingungen aushandeln oder Insolvenz anstoßen. Sie vertagten die Entscheidung um 30 Tage. Einen Aufschub um zwölf Monate lehnten sie ab. Übersetzt heißt das: Vanke darf weiteratmen, aber nicht entspannen.
Der nächste Termin lauert schon
Nur: Diese Extra-Zeit ändert am Grundproblem fast nichts. Noch vor Ablauf der verlängerten Schonfrist bis Ende Januar steht am 28. Dezember schon die nächste Anleihe auf dem Plan. Rechnet man auch dort die übliche einwöchige Nachfrist dazu, steht Vanke kurz nach Neujahr wieder am selben Punkt – mit derselben Frage: Wer gibt noch Geld, und zu welchen Bedingungen?
Dass es so weit kommt, hat sich Ende November abgezeichnet. Damals platzte die Refinanzierung zweier Anleihen im Gesamtumfang von 5,7 Milliarden Yuan (rund 805 Millionen Dollar), weil zwei Banken die Gespräche abbrachen. Besonders bitter: Eine Bank schickte sogar schon eine Absage, bevor überhaupt offiziell um Hilfe gebeten wurde. Der Markt roch das Blut sofort.
Die Aktie rutschte nach der Nachricht in der Spitze um 8,5 Prozent ab. Und wer sich den Kurs anschaut, merkt schnell: Da ging es nicht um ein bisschen Schwankung, sondern um den Rest eines langen Abstiegs. Mit umgerechnet 46 Cent (3,54 Hongkong-Dollar) liegt das Papier inzwischen mehr als 90 Prozent unter dem Allzeithoch von Anfang 2018.
Wenn selbst Anleihen kippen, wird’s ernst
Noch deutlicher als der Aktienkurs ist allerdings das, was bei den Anleihen passiert – also bei den Schuldscheinen, mit denen sich Unternehmen Geld leihen. Eine bis 2027 fällige Dollar-Anleihe über eine Milliarde Dollar verlor nach der geplatzten Folgefinanzierung 23 Prozent an Wert. In derselben Woche summierten sich die Verluste auf 60 Prozent. Das ist kein normales Zucken, das ist Panik auf dem Bondmarkt.
Vanke, gegründet in Shenzhen und in Hongkong gelistet, sitzt wie die ganze Branche auf einem riesigen Schuldenberg. Seit der Immobilienboom auf Pump 2021 abgewürgt wurde, versucht das Management, den Schaden zu begrenzen. Doch die Luft wird dünn: Neben der Gefahr, Zahlungen nicht mehr bedienen zu können, nagt der Kurssturz an der Stabilität des gesamten Konstrukts. Denn je tiefer der Wert der Firma fällt, desto weniger Vertrauen bleibt, dass die Schulden von insgesamt rund 130 Milliarden Dollar noch zu stemmen sind.
Absturz auf Raten
Eine Ausrede, man habe die Risiken verschwiegen, kann Vanke jedenfalls kaum bringen. Im April 2025 – bei der Vorlage des Jahresberichts 2024 – warnte der Vorstand bereits, dass die Risiken im Verlauf des Jahres weiter hoch bleiben. Trotz aller Selbstrettungsversuche seien sie nicht aus der Welt. Wörtlich hieß es, 2025 werde die Gruppe mit einer Häufung fälliger öffentlicher Schulden konfrontiert sein – und das erhöhe den Liquiditätsdruck. Gemeint ist: Viele Rechnungen kommen gleichzeitig, und die Kasse ist nicht gerade prall gefüllt.
Ende November kam dann eine ganze Ladung schlechter Nachrichten obendrauf. Dazu gehörte die Herabstufung durch S&P: von B- auf CCC Anfang November, später weiter nach unten. „CCC“ ist die Ecke, in der Ratingagenturen sagen: Das Ding ist wacklig und hängt davon ab, dass die Bedingungen nicht noch mieser werden – gerade so noch zahlungsfähig, aber extrem anfällig.
Der staatliche Rettungsring wird dünner
Eine dieser Bedingungen war bislang Shenzhen Metro. Der staatliche Nahverkehrskonzern hält 27,18 Prozent der Aktien und war für Vanke eine Art Rettungsring: Kredite zu Konditionen unter Marktniveau, genutzt, um Zinsen anderer Anleihen zu zahlen oder Rückzahlungen zu stemmen. In diesem Jahr waren das rund 4 Milliarden Dollar als Aktionärsdarlehen – eine Schlüsselquelle für Vankes Bond-Rückzahlungen. Das Gewicht dieser indirekten staatlichen Rückendeckung ist riesig. Und genau die scheint nachzulassen.
Denn im November, so die Berichte, soll Shenzhen Metro angekündigt haben, künftige Kreditbedingungen zu verschärfen. Ein leitender Kreditanalyst sieht die jüngste vorgeschlagene Verlängerung der Onshore-Anleihen als Hinweis darauf, dass Shenzhen den Finanzierungshahn tatsächlich zudrehen könnte – und die Verantwortlichen nicht mehr bereit oder nicht mehr in der Lage seien, Vankes Schulden abzusichern.
Auch S&P registrierte die Entwicklung – und stufte Vanke weiter auf CCC- herab. Die Begründung: Die Schuldenverpflichtungen seien anfällig für Zahlungsausfall oder eine notleidende Umstrukturierung. Das ist Banker-Sprech für: Wenn’s schiefgeht, wird nicht einfach normal zurückgezahlt, sondern es wird hart neu verhandelt – meist zum Nachteil der Gläubiger.
Nimmt man alles zusammen – nachlassender Wille staatlicher Stellen einzuspringen, zögernde Banken, schlechtere Ratings, steigende Zinsen und brutaler Zeitdruck –, entsteht eine Mischung, die schnell existenzgefährdend wird. Dazu kommt der Preisrutsch bei Bestandsimmobilien: Sinkende Preise drücken die Sicherheiten, die Vanke seinen Kreditgebern anbieten kann. Wie dieser Krimi endet, ist offen. Klar ist nur: Bei negativem Cashflow und einer Serie auslaufender Anleihen in den nächsten Monaten war der Druck selten so hoch.
Transparenzhinweis: Dieser Artikel ist erstmals im November 2025 erschienen. Wir haben ihn aufgrund des Leserinteresses aktualisiert.

