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29. Dezember 2025

Der 2026-Aufschwung ist zu einem Drittel nur Kalendertrick – und das ist das Problem

Bulle und Bär

2026 sieht nach Aufschwung aus – nur kommt ein dicker Brocken davon nicht aus neuen Ideen oder vollen Auftragsbüchern, sondern schlicht aus dem Kalender. Weil mehrere Feiertage aufs Wochenende fallen, gibt’s mehr Arbeitstage. Das hebt das BIP, auch wenn im Maschinenraum der Wirtschaft weiter Sand steckt.

Ein Beispiel, das geradezu nach „Regierungsliebling“ klingt: das Familienunternehmen Merz. Der Pharmahersteller peilt im laufenden Geschäftsjahr ein zweistelliges Umsatzwachstum an, produziert unter anderem Anti-Falten-Mittel – und meldet laut Geschäftsführer Hans-Jörg Bergler einen „sehr positiven“ Auftragseingang in allen Geschäftsfeldern. In Dessau will Merz für rund 100 Millionen Euro Produktionskapazitäten für sogenannte Neurotoxine ausbauen. Neurotoxine sind vereinfacht: Wirkstoffe, die Nervenfunktionen dämpfen – bekannt aus der Ästhetikmedizin. Bergler sagt dazu: Man ersetze nicht nur alte Anlagen, man expandiere „gegen den allgemeinen Trend“.

Aufschwung mit Stützrädern

Nur: Merz ist eher Ausreißer als Vorbote. Nach einer aktuellen Umfrage des ifo Instituts wollen viele Industrieunternehmen 2026 weniger investieren. Ähnlich fällt eine Erhebung der DIHK aus. Das passt schlecht zu der Hoffnung, 2026 könne sich die Konjunktur aus eigener Kraft aufrichten.

Denn das erwartete Plus hat einen Beipackzettel. Rund ein Drittel des Wachstums führen Ökonomen auf den Kalendereffekt zurück. Ein weiteres Drittel soll aus schuldenfinanziert höheren Staatsausgaben kommen – Sondervermögen und Rüstungsboom inklusive. Das kann kurzfristig Schub geben, wirkt aber wie ein Strohfeuer, wenn die großen Baustellen bleiben: ein bemerkenswert niedriges Produktivitätswachstum und ein sinkendes langfristiges Wachstumspotenzial.

Vor Weihnachten revidierten fast alle großen Forschungsinstitute ihre Prognosen nach unten. Das ifo Institut erwartet nur noch ein BIP-Plus von 0,8 Prozent. Die Wirtschaftsweisen bremsen ebenfalls: „Von einem breit angelegten Aufschwung ist im kommenden Jahr nicht auszugehen“, heißt es im Jahresgutachten des Sachverständigenrats. Am optimistischsten ist das DIW in Berlin mit 1,3 Prozent. Klingt ordentlich – ist aber weit weg von einer Boom-Story.

Konsum: wenig Schwung, viel Vorsicht

Beim Konsum liegt der Fuß weiter auf der Bremse. „Die Kauflaune hat sich nach den zurückliegenden Krisen nicht fundamental erholt“, warnt Rolf Bürkl vom Nürnberg Institut für Marktentscheidungen. 2026 dürfte der private Verbrauch daher allenfalls moderat zulegen.

Auch die Löhne liefern weniger Rückenwind als in den Jahren davor. Nach Tarif-Plus 2023 von 5,5 Prozent und 2024 von 5,4 Prozent steigen die Tariflöhne in diesem Jahr laut Text nur noch um rund 2,6 Prozent. Real bleibt damit ein Mini-Plus von etwa 0,4 Prozent – weil die Inflation sich hartnäckig über dem EZB-Ziel von zwei Prozent hält. Unterm Strich: mehr Geld auf dem Papier, aber kaum mehr Luft im Alltag.

Dazu kommt der Arbeitsmarkt als Stimmungskiller. „Angst um den Job“, sagt Bürkl, „ist ein Konsumkiller.“ Die Sparquote der Deutschen liegt derzeit bei über zehn Prozent. Und die Schlagzeilen aus der Industrie werden nicht freundlicher: Der Anlagenbauer Voith kündigte an, bis zu 2500 Jobs zu streichen. In der energieintensiven Chemieindustrie sind Fabriken nur noch zu 70 Prozent ausgelastet; 2026 droht ein Produktionsrückgang von einem Prozent. Bergler, auch Vorstandsmitglied des Arbeitgeberverbands HessenChemie, warnt: Der Branche gehe es „dramatisch schlecht“, die Lage könne sich weiter zuspitzen. BDI-Präsident Peter Leibinger sieht den Standort sogar „im freien Fall“.

Export: der alte Retter wackelt

Als Exportnation hat Deutschland in früheren Erholungen oft über Ausfuhren wieder Höhe gewonnen. Diesmal könnte genau das ausfallen. „Der Aufschwung 2026 wird anders sein als Konjunkturerholungen in früheren Zeiten“, sagt Daniel Hartmann, Chefvolkswirt beim Vermögensverwalter Bantleon. Zollkonflikte und geopolitische Spannungen stehen im Weg. Sinkende Exporte in die USA könnten Betriebe zwar teilweise durch mehr Lieferungen in die EU abfedern – insgesamt dürfte der Wachstumsbeitrag des Exports 2026 aber gering sein.

Damit hängt viel an den Investitionen. Jens Eisenschmidt, Chefvolkswirt Europa bei Morgan Stanley, macht die Bedingung klar: Einen Investitionsboom gebe es nur, wenn Unternehmen an den Standort glauben und hier eine Zukunft sehen. Seine Bank verweist auf eine Studie: Seit 1994 waren die Investitionen in Maschinen und Ausrüstung zwölf Monate nach Bundestagswahlen signifikant höher als außerhalb von Wahlzyklen. Die Botschaft ist unmissverständlich: Dieses Kapital darf die Bundesregierung nicht verspielen.

Nebenbei: Der WiWo-Ausblick 2026 bündelt die großen offenen Punkte – schafft Friedrich Merz die Wende, sinken die Leitzinsen weiter, knickt Zollkrieger Trump ein, und welche Zukunft hat die Ukraine?