Der Dax tritt dieses Jahr bislang eher wie ein angeschlagener Boxer auf, doch viele Vorstandsetagen greifen trotzdem tief in die Kasse. Nicht für neue Fabriken, nicht für spektakuläre Übernahmen, sondern für die eigene Aktie. Genau darin steckt die eigentliche Botschaft dieses Rekordbooms bei Rückkäufen.
Die 40 Dax-Konzerne haben Programme über insgesamt 54,6 Milliarden Euro aufgelegt. Allein in diesem Jahr dürften Aktien für rund 26 Milliarden Euro vom Markt verschwinden. Das geht aus Berechnungen des Handelsblatt Research Institute hervor, die sich auf Ankündigungen der Unternehmen und die jüngsten Jahresabschlüsse stützen. 23 der 40 Dax-Konzerne kaufen derzeit eigene Papiere zurück oder bereiten das für die kommenden Monate vor.
Milliarden für die eigene Aktie
Die Summen sind alles andere als Kleingeld. 16 Unternehmen wollen dafür jeweils mindestens eine Milliarde Euro ausgeben. Besonders groß fallen die Programme bei Deutsche Post, Siemens und Siemens Energy mit jeweils sechs Milliarden Euro aus. SAP setzt mit zehn Milliarden Euro noch einen drauf. Man kann also schwer behaupten, die Konzerne würden sich gerade kleinmachen.
Das hat einen einfachen Grund: Rückkäufe kommen an der Börse gut an. Wenn ein Unternehmen eigene Aktien einsammelt, sinkt die Zahl der frei handelbaren Papiere. Künftige Gewinne und Dividenden verteilen sich dann auf weniger Aktien. Das macht die Kennzahlen hübscher und wirkt oft wie ein kleiner Turbo für den Kurs. Für viele Anleger ist das Musik in den Ohren, weil es wie eine direkte Belohnung aussieht.
Warum Anleger das mögen
Entsprechend freundlich fällt auch die Einordnung aus dem Lager der Optimisten aus. Commerzbank-Analyst Andreas Hürkamp sieht in den hohen Rückkaufprogrammen zusammen mit den weiter starken Dividenden eine wichtige Stütze dafür, dass der Dax trotz der schwierigen geopolitischen Lage attraktiv bleibt. Die Logik dahinter ist klar: Wenn schon das Umfeld wackelt, dann sollen wenigstens Ausschüttungen und Rückkäufe Stabilität liefern.
Ganz so einfach ist die Sache aber nicht. Rückkäufe sind kein Geschenk, das aus dem Nichts kommt. Das Geld verschwindet ja nicht aus einer Zauberkasse, sondern aus der Liquidität des Unternehmens. Und genau diese Liquidität könnte in einem Umfeld mit Krieg im Nahen Osten, schwankenden Märkten und drohenden Gewinnrückgängen schneller gebraucht werden, als manchen Managern lieb sein dürfte. Wer also nur auf den kurzfristigen Kurseffekt starrt, schaut zu kurz.
Die Wall Street treibt den Boom
Dass der Boom so groß geworden ist, liegt ohnehin vor allem an den USA. An der Wall Street haben die Konzerne im breit gefassten S&P 500 binnen eines Jahres eigene Aktien für 1,02 Billionen Dollar zurückgekauft. Damit wurde erstmals die Marke von einer Billion Dollar übersprungen. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Plus von gut elf Prozent. Das ist keine normale Ausschüttungspolitik mehr, das ist eine Kapitalmaschine auf Vollgas.
Der unangefochtene Weltmeister bei diesem Spiel heißt Apple. Der iPhone-Konzern gab in den vergangenen vier Quartalen 96,7 Milliarden Dollar für eigene Aktien aus. Auf Sicht von zehn Jahren summiert sich das auf 755 Milliarden Dollar. Seit 2013, als Apple im großen Stil mit Rückkäufen begann, hat sich der Aktienbestand nach Berechnungen des Handelsblatts um 44 Prozent verringert. Das ist eine Dimension, bei der man versteht, warum Apple in dieser Disziplin eine eigene Liga bildet.
Tech bremst, Banken drücken aufs Gas
Hinter Apple stehen weitere Tech-Schwergewichte wie Alphabet, Meta und Nvidia. Die großen Digitalkonzerne konnten sich solche Programme leisten, weil sie enorme Mittelzuflüsse aus dem operativen Geschäft und teils rekordhohe Nettogewinne eingefahren haben. Allerdings gibt es inzwischen auch hier eine Bremse. Die stark steigenden Investitionen in Anwendungen rund um Künstliche Intelligenz kosten gewaltig Geld. Deshalb haben die meisten Tech-Konzerne ihre Ausgaben für Rückkäufe 2025 etwas zurückgenommen. Nvidia bildet die Ausnahme.
Dafür sprang an anderer Stelle der Turbo an. Im Finanzsektor legten die Rückkäufe kräftig zu. JPMorgan, Bank of America und Citigroup haben ihre Ausgaben binnen eines Jahres von 29,1 auf 56,8 Milliarden Dollar fast verdoppelt. Möglich wurde das durch stark gestiegene Gewinne. Banken machen also genau das, was Unternehmen gern tun, wenn die Kassen voll sind: Sie geben Kapital an die Aktionäre zurück, ohne sich dabei auf dauerhaft höhere Dividenden festzulegen.
Flexibel für Manager, beliebt bei Aktionären
Genau hier liegt einer der Gründe, warum Rückkäufe in den Chefetagen so beliebt sind. Dividenden sind heikel. Werden sie gesenkt, reagiert der Markt oft ziemlich verschnupft. Deshalb halten Vorstände die Ausschüttungen selbst in schwächeren Jahren möglichst stabil und erhöhen sie in guten Zeiten nur vorsichtig. Rückkäufe sind da flexibler. Sie lassen sich leichter hoch- und runterfahren, ohne dass gleich ein Drama daraus wird. Für Manager ist das oft die bequemere Stellschraube.
Aus Sicht der Aktionäre klingt das erst einmal vernünftig. Wenn das Management Aktien zurückkauft und später einzieht, steigt der Anteil jedes verbliebenen Aktionärs am Unternehmen, ohne dass dieser selbst nachkaufen muss. Das wirkt elegant und effizient. An der Börse ist so etwas fast immer willkommen, weil es wie ein Beweis dafür aussieht, dass das Management Vertrauen in den eigenen Laden hat.
Was Studien und Kritiker dazu sagen
Dass diese Strategie nicht nur Stimmung, sondern auch Performance bringen kann, will Goldman Sachs belegen. Eine Studie der US-Investmentbank aus dem vergangenen Herbst kommt zu dem Ergebnis, dass sich Aktien von Unternehmen mit besonders intensiven Rückkäufen seit 2012 besser entwickelt haben. Demnach lagen Konzerne aus dem S&P 500, die ihre Aktienzahl pro Jahr um vier Prozent reduziert haben, im Schnitt jährlich drei Prozentpunkte vor dem Gesamtmarkt. Das ist schon eine Hausnummer.
Goldman Sachs spricht in diesem Zusammenhang von Buyback-Aristokraten, in Anlehnung an die bekannten Dividenden-Aristokraten. Gemeint sind Unternehmen, die ihre Aktienzahl besonders konsequent verringern. Zu dieser Gruppe zählen neben Apple etwa Mondelez, McKesson, Loews sowie Finanzkonzerne wie Morgan Stanley, Wells Fargo, Visa, Mastercard und American Express. Das klingt nach Elitezirkel, ist aber vor allem ein Hinweis darauf, wie systematisch manche Unternehmen diese Form der Kapitalpolitik betreiben.
Der Preis der schönen Kennzahlen
Nur: Besser sieht dadurch nicht automatisch auch die Bilanz aus. Genau da setzt die Kritik an. Bilanzexperte Philipp Immenkötter von Flossbach von Storch argumentiert, dass sich die Finanzstruktur solcher Unternehmen eben nicht verbessert. Zwar steigt der Gewinn je Aktie, wenn die Zahl der Aktien sinkt. Gleichzeitig verändert sich aber die Risikostruktur des Unternehmens. Das ist der Punkt, den viele Anleger gern übersehen, weil der Effekt nicht so schön glänzt wie ein steigender Kurs.
Sein Argument ist nüchtern und ziemlich unangenehm: Wenn ein Unternehmen eigene Aktien kauft, sinkt die Liquidität. Zugleich steigt die Verschuldung im Verhältnis zum schrumpfenden Eigenkapital. Beides zusammen erhöht das Risiko und kann die Bewertung belasten. Anders gesagt: Der rechnerische Vorteil beim Gewinn je Aktie ist kein Gratisgeld. Er hat seinen Preis. Und unter dem Strich können sich die positiven und negativen Effekte eben auch gegenseitig auffressen.
Alte Debatte, neue politische Sprengkraft
Ein nachhaltiger Kursanstieg entsteht daher nicht allein durch den Rückkauf selbst. Er entsteht nur dann, wenn der Markt darin ein glaubwürdiges Signal erkennt. Etwa, weil das Unternehmen seine Aktie für unterbewertet hält oder weil es so viel verdient, dass nach Investitionen, Rücklagen und Dividenden immer noch reichlich Kapital übrig bleibt. Dann kann ein Rückkauf tatsächlich wie ein Vertrauensbeweis wirken. Wenn er dagegen nur den Kurs polieren soll, riecht die Sache schnell nach Kosmetik.
Umstritten sind Aktienrückkäufe übrigens schon sehr lange. Nach dem Börsencrash und der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren wurden sie an der Wall Street sogar verboten. Die Begründung damals: Marktmanipulation. Der Verdacht war also schon früh da, dass Unternehmen mit solchen Programmen nicht nur Kapital verteilen, sondern auch am Kursbild schrauben.
Trump mischt die Debatte auf
Heute ist die Diskussion wieder hochpolitisch. Donald Trump hat Rückkäufe Anfang Januar frontal angegriffen. Er kritisierte die Finanzpraktiken der amerikanischen Rüstungsindustrie und stellte Rückkäufe sowie Dividendenzahlungen offen infrage. Auf Truth Social bezeichnete er Aktienrückkäufe als Bremsklotz für Modernisierung und Produktionskapazitäten. Kurz darauf folgte eine Exekutivanordnung, die dem Department of War erlaubt, Dividenden und Rückkäufe zu untersagen, wenn Unternehmen als underperformend eingestuft werden.
Die betroffenen Rüstungskonzerne General Dynamics, RTX, Northrop Grumman und L3Harris reagierten prompt. Ihre Aktien gerieten nach Trumps Vorstoß unter Druck. Die Vorstandschefs versicherten zwar, an einer verlässlichen Dividendenpolitik festhalten zu wollen. Gleichzeitig signalisierten sie aber, Rückkäufe notfalls zu drosseln, falls die politische Lage das verlangt. Spätestens da wird klar: Rückkäufe sind längst nicht mehr nur ein Thema für Bilanznerds und Börsenromantiker, sondern ein Machtinstrument mit politischer Sprengkraft.

