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29. Dezember 2025

Das ist kein Betriebsunfall mehr: Warum Insolvenzen jetzt immer öfter im Ausverkauf enden

Italien
Foto: depositphotos.com

An manchen Insolvenzen klebt inzwischen ein Schild wie am Ausverkauf: „Alles muss raus – und danach ist dicht.“ Genau so läuft es gerade bei erstaunlich vielen Firmen, und das ist kein guter Trend.

Anfang Februar ist beim schwäbischen Weltmarktführer Mayer & Cie. Schluss. Bis dahin werden noch Aufträge fertiggemacht. Danach bleibt nur ein kleines Team, das den Laden abwickelt: Maschinen verkaufen, Immobilien und Lagerbestände zu Geld machen – Ende Gelände. Im September hatte das Unternehmen Insolvenz angemeldet. Insolvenzverwalter Martin Mucha von Grub Brugger suchte danach einen Käufer. Ohne Erfolg. Trotz intensiver Suche weltweit fand sich kein Investor, der in den Traditionsbetrieb einsteigen wollte. Die Stilllegung sei deshalb die „unausweichliche Konsequenz“.

Erst pleite, dann platt

Dieses Muster – Insolvenz, dann Abwicklung – taucht gerade nicht nur im Maschinenbau auf. Vor vier Jahren wurden noch zwei von drei insolventen Firmen gerettet. Heute sind es laut Daten der Beratung Falkensteg deutlich weniger als die Hälfte. Sprich: Früher gab’s öfter einen zweiten Anlauf, jetzt häufiger den Schlussstrich.

Einschub, der dazu passt: Wenn große Namen wackeln, stehen schnell die Restrukturierer vor der Tür – Berater und Anwälte, die sich auf Krisen spezialisiert haben. Für sie sind Fälle wie Meyer Werft, Baywa oder KaDeWe nicht nur Drama, sondern auch Geschäft.

Käufer gesucht – keiner will

Wie trocken der Markt geworden ist, zeigen weitere Beispiele: Der Autoverleiher Starcar schreibt seinen Kunden auf der Website, dass der Geschäftsbetrieb zum 31.12.2025 endet. Die Autozulieferer AE Group und Allgaier werden zum Jahresende 2025 geschlossen. Der Umwelttechnik-Pionier Wehrle-Werk wird fast komplett abgewickelt. Auch für die Modekette Gerry Weber oder die insolventen Schlau-Handwerkermärkte fand sich kein Käufer. Und bei den deutschen Standorten des Schweizer Solarzellen-Herstellers Meyer Burger gab es ebenfalls keinen Abnehmer – dort war Insolvenzverwalter Lucas Flöther im Einsatz.

Flöther sagt: Solche Fälle zeigen, wie schwer es geworden ist, überhaupt jemanden zu finden, der einen Betrieb aus der Insolvenz übernimmt. Klar, so ein Kauf ist immer kompliziert. Aber inzwischen müsse man Interessenten nicht nur von Preis und Geschäftsmodell überzeugen, sondern auch davon, dass Deutschland als Standort noch Zukunft hat.

Das bestätigt Jonas Eckhardt, Partner bei Falkensteg. In internationalen M&A-Prozessen – also Firmenkauf-Verfahren – komme immer häufiger die Ansage: In Deutschland will man grundsätzlich nicht mehr investieren. Sein Satz dazu sitzt: Deutsche Unternehmen seien in vielen Branchen „einfach raus“. Eckhardt nennt als Bremsklötze strukturelle Probleme wie zu wenig Bürokratieabbau sowie hohe Energie- und Personalkosten. Sein Kernpunkt: Deutschland biete zu oft kein Umfeld mehr, in dem sich Investitionen lohnen.

Banken bremsen, Alteigentümer pusten nicht mehr

Dazu kommt ein weiterer Haken: Wenn bei so einem Firmenverkauf kein Käufer auftauchte, sprangen früher oft die alten Gesellschafter ein, um „ihre“ Firma zu retten. Flöther sagt: Diese Bereitschaft nimmt ab, und vielerorts sind die finanziellen Reserven schlicht aufgebraucht. Außerdem sind Banken bei der Finanzierung solcher Distressed-Deals – also Käufen aus der Pleite heraus – noch zurückhaltender. Sein Fazit: Es werde wieder mehr Abwicklungen und Schließungen geben. Die alte Regel „Irgendwie geht’s schon weiter“ greife nicht mehr in jedem Verfahren.

Dabei hatten Insolvenzverwalter und Sanierer in den vergangenen Jahren oft bewiesen, dass man marode Unternehmen stabilisieren kann: Kosten runter, Schulden schneiden, Investor rein – und der Betrieb läuft erstmal weiter.

Auch neue Insolvenzvarianten wie Schutzschirm- oder Eigenverwaltungsverfahren haben geholfen. Eigenverwaltung heißt grob: Die Firma steuert unter Aufsicht selbst weiter, statt dass sofort alles fremdgesteuert wird. Das deutsche Insolvenzrecht bietet damit durchaus Neustart-Chancen. Nur: In den meisten Fällen braucht es dafür frisches Kapital. Und genau das fehlt immer öfter – wie beim Betten- und Matratzenhändler MFO.

In einer Kölner Filiale hängt noch ein Schild „Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe“. Drinnen ist aber dunkel. Seit dem Nikolaussamstag ist der Laden zu. Am Eingang klebt ein Zettel: „Filiale für immer geschlossen.“

Die Betreiberin, die Matratzen Direct AG, hatte Ende März beim Amtsgericht Köln ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragt. Ziel: erst stabilisieren, dann einen Investor finden. Dafür wurden 27 von 124 MFO-Filialen geschlossen. Parallel lief die Käufersuche, 44 potenzielle Interessenten wurden angesprochen. Am Ende sagten alle ab. Ergebnis: Rund 300 Mitarbeiter verlieren ihren Job, die Filialen müssen schließen.

2017 war das noch anders: Damals hatte Matratzen Direct schon einmal ein Schutzschirmverfahren durchlaufen. Zwar wurden auch da viele Filialen dichtgemacht, aber das Unternehmen als Ganzes überlebte und machte weiter.

Zinsen hoch, Mut runter

Ein Teil der Erklärung liegt im Umfeld. Früher wurden viele Verkäufe auch deshalb möglich, weil Geld billig war. Diese Niedrigzinsphase ist vorbei, und der Risikoappetit vieler Investoren hat abgenommen. Sie schauen genauer hin: Welche Geschäftsmodelle haben wirklich eine Zukunft – und welche nicht? „Es ist anspruchsvoller geworden, Investoren zu finden“, sagt Stefan Denkhaus, Sprecher der Insolvenzverwaltervereinigung Gravenbrucher Kreis. Er nennt die Entwicklung teilweise auch eine Normalisierung: Nicht jedes Unternehmen könne oder solle gerettet werden – hart für die Betroffenen, aber für die Wirtschaft insgesamt wichtig. Und: Ganz leer sei der Markt nicht. Für einzelne Unternehmen gebe es durchaus Interesse.

Die Frage ist nur, wie viele Verfahren sich in den kommenden Monaten noch drehen lassen – und wie viele am Ende schlicht in der Abwicklung landen.