Europa ist als Wirtschaftsblock ein Brocken – aber wenn’s ums Börsen-Showgeschäft geht, wirkt der Kontinent oft wie ein Haufen Kleinstädte, die getrennte Jahrmärkte betreiben. Genau daran stößt sich die CSU: Eine „europäische Börse“ soll her, und der Chefstuhl soll nach Deutschland.
Die CSU greift damit eine Debatte auf, die Bundeskanzler Friedrich Merz im Oktober losgetreten hat. In einer Regierungserklärung forderte er „eine Art European Stock Exchange“. Jetzt liegt laut Reuters ein Positionspapier der CSU-Landesgruppe vor, das bei der Klausurtagung der CSU-Abgeordneten von Dienstag bis Donnerstag im bayerischen Seeon beschlossen werden soll. Der Anspruch ist groß: Die Partei will den europäischen Kapitalmarkt stärken, „erfolgreiche deutsche Unternehmen“ im Land halten – und bei der Börsenfrage „eine klare Führungsrolle“ übernehmen. Der Sitz müsse in die größte Volkswirtschaft der EU, also nach Deutschland, heißt es in dem Entwurf.
Viele Plätze, wenig Wucht
Das Problem, das hier beschrieben wird, ist simpel – und trotzdem unerquicklich: Die EU-Staaten zusammen bilden den größten Wirtschaftsraum der Welt. Aber die Börsenlandschaft ist zersplittert. Ergebnis: weniger Wucht als in den USA. Dort zieht der Finanzplatz New York bei internationalen Börsengängen oft zuerst. Wer groß raus will, geht dorthin, wo der meiste Betrieb ist.
Und „Betrieb“ ist an der Börse kein Gefühl, sondern ein handfester Vorteil: Viele Käufer und Verkäufer bedeuten viel Handel – also „Liquidität“ (übersetzt: Man kann Aktien schnell kaufen und wieder loswerden, ohne dass der Preis sofort verrücktspielt). Dazu kommt Aufmerksamkeit: Wenn viele Analysten draufschauen, steigt die Sichtbarkeit. Europa hat davon zu wenig – und manche Firmen stimmen mit den Füßen ab. Im Text werden Unternehmen mit Wurzeln in Deutschland genannt, die an der Wall Street gelistet sind: Linde, Birkenstock und BioNTech.
Euronext gibt’s schon – Streit auch
Nur: Europa hat längst nicht bei null angefangen. Es gibt Euronext, einen länderübergreifenden Marktbetreiber, zu dem die Börsen in Amsterdam, Brüssel, Dublin, Lissabon, Mailand, Oslo und Paris gehören. Das ist eine Art Börsen-Verbund – nicht „eine“ Börse für alles, aber deutlich enger verzahnt als früher. Trotzdem scheiterte weitere Integration bislang auch an der Konkurrenz zwischen den großen Handelsplätzen Frankfurt und Paris. Anders gesagt: Wenn’s konkret wird, geht’s schnell nicht mehr um Europa, sondern um Einfluss.
Genau hier wird die CSU-Forderung spannend – und heikel. Einerseits klingt eine gemeinsame europäische Börse nach Vernunft: mehr Größe, mehr Handel, mehr Chancen, dass europäische Unternehmen ihr Kapital auch in Europa einsammeln. Andererseits ist eine Börse kein Amt, das man politisch einfach umzieht. Wer den Sitz bekommt, bekommt Macht über Regeln. Diese Regeln heißen in der Praxis „Listing-Standards“ – also die Spielregeln dafür, wer überhaupt an der Börse gelistet werden darf und unter welchen Bedingungen.
In Berlin ist der Ton deshalb gemischt. Merz hat die Tür aufgestoßen – nicht ganz zufällig: Er war früher Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Börse. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil nannte den Vorstoß zwar einen sinnvollen Schritt, blieb aber vorsichtig, was die Einflussmöglichkeiten der Bundesregierung angeht. Das ist die höfliche Version von: Der Staat kann viel wollen, aber er muss es auch durchsetzen können.
Die Marktbetreiber signalisieren Offenheit, aber natürlich zu ihren Bedingungen. Euronext-Chef Stéphane Boujnah erklärte, Euronext sei bereit, zur Marktkonsolidierung beizutragen – Konsolidierung heißt hier: Märkte zusammenrücken oder zusammengelegt werden, damit ein größerer Handelsplatz entsteht. Ziel: ein größerer Liquiditätspool, also mehr Handel in einem Topf. Die Deutsche Börse begrüßte Merz’ Ruf nach stärkeren Kapitalmärkten und machte die Marktfragmentierung für verzögerte Börsengänge in Europa mitverantwortlich. Gleichzeitig verwies sie darauf, dass ihr Spielraum als paneuropäischer Akteur durch Rahmenbedingungen eingegrenzt worden sei.
Damit liegt der Ball jetzt offen auf dem Elfmeterpunkt: Wird aus der CSU-Ansage ein Plan, der auch jenseits von Sonntagsreden trägt – oder endet das Projekt wieder im üblichen Gerangel um Zuständigkeiten, Standorte und Eitelkeiten? Die Seeon-Klausur liefert den politischen Druck. Danach entscheidet sich, ob Europa am Ende tatsächlich eine Börse mit mehr Schlagkraft baut – oder nur weiter darüber diskutiert, wer am liebsten Chef wäre.

