US-Sanktionen sollten Chinas Chippläne eigentlich ausbremsen – stattdessen drücken sie jetzt aufs Gaspedal. Die Branche sammelt Geld ein wie selten, schiebt Börsengänge nach und verkauft Investoren eine klare Story: Wer bei KI-Chips (also Rechenpower fürs Training und Laufenlassen großer KI-Modelle) mitspielen will, soll künftig weniger von Nvidia abhängen.
Zu Jahresbeginn legte der Halbleiterentwickler Biren sein Börsendebüt hin – und der Kurs sprang am ersten Tag um 79 Prozent. Kaum ist der erste Jubel verklungen, kommt schon der nächste Kandidat: Baidu will seine Chipsparte Kunlunxin in Hongkong an die Börse bringen. Bloomberg zufolge steht dabei eine Bewertung von drei Milliarden Dollar im Raum.
Dass da gerade so viel Bewegung drin ist, kommt nicht von ungefähr. China fühlt sich durch US-Sanktionen gezwungen, eine eigene, schlagkräftige Halbleiterindustrie hochzuziehen – und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt. Es geht um Macht, klar. Aber es geht auch um sehr viel Geld: Der Markt für Hochleistungs-KI-Prozessoren in China wächst laut TechInsights in diesem Jahr auf 30 Milliarden Dollar.
Noch dominiert Nvidia den Markt für KI-Beschleuniger (Chips, die KI-Rechnerei massiv schneller machen) – auch in China. Trotzdem: Die heimischen Herausforderer ziehen das Tempo an. Die Analysten von Trendforce schreiben, geopolitische Spannungen hätten das Streben nach technologischer Unabhängigkeit beschleunigt. Chinesische Unternehmen würden ihre Bemühungen, eigene KI-Chips zu entwickeln, deshalb massiv verstärken.
Für die Führung in Peking sind eigene KI-Chips nicht Luxus, sondern Pflicht. China will den KI-Ausbau entschlossen vorantreiben: Im kommenden Fünfjahresplan, der in diesem Frühjahr beschlossen werden soll, wird KI als Schlüsseltechnologie genannt. Und auf US-Halbleiter zu setzen, ist aus chinesischer Sicht kein stabiler Plan – denn vergangenes Jahr hatte die US-Regierung Nvidia verboten, Bauteile nach China zu verkaufen.
Ausgerechnet jetzt steht die nächste Volte im Raum: US-Präsident Donald Trump will Nvidia wieder erlauben, seinen speziell für China entwickelten KI-Chip H200 in die Volksrepublik auszuführen. Doch Experten bleiben skeptisch. Wer jetzt wieder groß auf den H200 setzt, würde sich selbst widersprechen und ein nationales Prestigeprojekt schwächen, sagt Martin Geißler, Partner bei der Beratung Advyce. Also: Welche chinesischen Chipfirmen sollte man 2026 auf dem Zettel haben?
Alibaba, Baidu und Co.: Viel Ambition, unterschiedliche Rollen
Alibaba wird von Analysten inzwischen gern als Chinas Antwort auf Nvidia beschrieben – ein großer Satz, der aber erklärt werden muss. Der Konzern um Gründer Jack Ma entwickelt über die Halbleiter-Tochter T-Head seit 2018 eigene Prozessoren. Diese Chips zielen auf Rechenzentren und KI-Anwendungen in der Cloud – sie sollen Training und Betrieb großer Sprachmodelle effizienter machen und die Abhängigkeit von Nvidia reduzieren.
Der Haken: Alibaba ist kein reiner Chipkonzern. Die Eigenentwicklungen ersetzen keine Hochleistungs-GPUs (Grafikprozessoren, die bei KI die Drecksarbeit der Rechenoperationen machen), wie Nvidia sie verkauft. Sie ergänzen eher. Trotzdem urteilen Jefferies-Analysten: Alibaba entwickle sich zu einem Aushängeschild für Chinas KI-Ambitionen.
Baidu spielt in einer ähnlichen Liga, nur mit anderer DNA. Gegründet 2000 von Robin Li und Eric Xu, groß geworden mit Internetsuche und Onlinewerbung, dazu Cloud und autonome Fahrsysteme – und seit Jahren KI als Kern der Strategie. Über die Chiptochter Kunlunxin entwickelt Baidu seit 2018 eigene KI-Prozessoren, ausgelegt sowohl für den Betrieb von KI-Modellen als auch für deren Training.
Bislang laufen die Kunlunxin-Chips vor allem in Baidus eigenen Rechenzentren. Globaler Chiplieferant wie Nvidia ist Baidu damit noch nicht – aber der Plan zielt erkennbar weiter. Vergangenen Freitag reichte der Konzern einen Antrag für eine Notierung von Kunlunxin in Hongkong ein. Eine Ausgliederung solle den Wert des Geschäfts besser spiegeln, teilte Baidu mit. Kunlunxin sei attraktiv für Investoren, die auf universelle KI-Computing-Chips und die dazugehörigen Hard- und Softwaresysteme setzen.
Die Deutsche Bank hält das Thema für ausgesprochen zukunftsträchtig: Der rasche Ausbau der KI-Chip-Tochtergesellschaft Kunlunxin bietet erhebliches Aufwärtspotenzial. Übersetzt: Da könnte noch Musik drin sein – wenn Technik und Markt mitspielen.
Cambricon ist dagegen kein Internetkonzern, sondern ein reiner Chipentwickler. Gegründet 2016 von Chen Tianshi und Chen Yunji, zwei Forschern der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Die Prozessoren sind auf KI-Anwendungen wie Bilderkennung und Sprachverarbeitung ausgelegt. Cambricon positioniert sich als heimische Alternative zu Nvidia und AMD, vor allem für staatliche Kunden und chinesische Cloud-Anbieter. An der Börse kommt das an: Binnen Jahresfrist hat sich der Kurs mehr als verdoppelt.
Moore Threads, MetaX, Huawei: Selbstbewusstsein, Geldregen, Pragmatismus
Wenn es um großes Auftreten geht, macht Moore Threads niemand etwas vor. Kurz vor Weihnachten stellte Gründer Zhang Jianzhong neue Chips vor und ging Nvidia rhetorisch frontal an. Seine Produkte würden Rechengeschwindigkeit und -leistung auf Weltklasseniveau liefern, sagte er, und hoffe, damit den Bedarf der Ingenieure in China zu decken – damit sie nicht mehr auf fortschrittliche ausländische Produkte warten müssen.
Moore Threads, gegründet 2020, ist auf GPUs spezialisiert – also genau die Chipklasse, mit der Nvidia groß wurde. Im Dezember 2025 ging das Unternehmen in Shanghai an die Börse. Bei der Emission sammelte die Firma umgerechnet gut 1,1 Milliarden Dollar ein. Die Aktie schoss am ersten Handelstag um mehr als 500 Prozent nach oben. Das ist Euphorie in Reinform – und gleichzeitig ein Versprechen, das erst noch eingelöst werden muss.
Noch wilder lief es bei MetaX. Das 2020 in Shanghai gegründete Unternehmen entwirft Rechenzentrums-Chips und wurde von drei früheren AMD-Managern um Gründer und Chef Chen Weiliang aufgebaut. Der Börsengang am Star Market im Dezember 2025 sorgte für Aufsehen: Der Kurs stieg am ersten Tag um mehr als 750 Prozent.
Die Emission war 2986-fach überzeichnet – also: Anleger wollten rein, und zwar massenhaft. Und das, obwohl MetaX mit einem Marktanteil von etwa einem Prozent in China ein vergleichsweise kleiner Nvidia-Herausforderer ist. Nach dem ersten Handelstag war das Start-up bereits 5,9 Milliarden Dollar wert. Erwartungen: riesig. Risiko: genauso.
Bei Huawei wirkt die Lage weniger wie Börsenparty, eher wie Pflichtprogramm unter Druck. Gegründet 1987 von Ren Zhengfei, groß im Telekom-Geschäft, dazu IT-Systeme, Cloud und Smartphones. Die Chiptochter HiSilicon entwickelt seit 2004 Prozessoren, um Huawei unabhängiger zu machen. Seit die US-Sanktionen den Zugang zu modernen Chips und Fertigungsanlagen blockieren, ist Eigenentwicklung keine Option mehr, sondern Zwang.
Besondere Aufmerksamkeit bekam ein Patent aus 2022. Darin beschreibt Huawei ein Verfahren, mit dem sich winzige Chipstrukturen herstellen lassen sollen, obwohl die eigentlich nötigen Lithografiemaschinen (die High-End-Geräte, mit denen Strukturen auf den Chip belichtet werden) von ASML fehlen. Stattdessen setzt Huawei auf eine Technik mit deutlich mehr Produktionsschritten. Ob sich das am Ende rechnet, ist offen.
Zu den wichtigsten KI-Chips zählen die Ascend-Prozessoren für Rechenzentren. Bloomberg zufolge will Huawei den Ausstoß seines fortschrittlichsten KI-Halbleiters Ascend 910C dieses Jahr verdoppeln. Die einzelnen Chips sind zwar nicht so leistungsfähig wie die von Nvidia. Huawei versucht das über Masse zu kompensieren: Tausende Chips werden mit dem sogenannten SuperPoD-Verfahren zusammengeschaltet. In der höchsten Stufe sollen bis zu eine Million Ascend-Chips kombiniert werden – damit lassen sich große Sprachmodelle effizient trainieren und ausführen, auch ohne westliche Technik.
In einer für Huawei ungewöhnlichen öffentlichen Veranstaltung präsentierte Chairman Eric Xu im Herbst neue KI-Chips. Analysten von Bernstein werten die Offenheit als Signal: Huawei sei offenbar zuversichtlich, dass chinesische Auftragsfertiger den Bedarf künftig decken können.
Ohne Fabriken und Maschinen bleibt alles Theorie
So viel Chipdesign, so viel Ehrgeiz – am Ende entscheidet die Fertigung. Und genau da liegt Chinas wunde Stelle. SMIC, 2000 in Shanghai von Richard Zhang Rujing gegründet, ist Chinas größter Auftragsfertiger (eine sogenannte Foundry: eine Fabrik, die Chips für andere baut). In diesem Geschäft ist SMIC die Nummer drei weltweit.
Der Abstand zu Branchenführer TSMC aus Taiwan bleibt aber riesig. Trendforce zufolge erzielte SMIC im dritten Quartal einen Umsatz von knapp 2,4 Milliarden Dollar – global etwa fünf Prozent Marktanteil. TSMC erwirtschaftete demgegenüber 33 Milliarden Dollar. Dazu wachsen die Taiwaner dynamischer. Die Kapazitäten von SMIC sind fast vollständig ausgelastet und können die Nachfrage bisher nicht decken, sagt Emma Xu vom Beratungsunternehmen Omdia.
SMIC produziert etwa Chips der Kirin-Baureihe für Huawei – die Verbindung wird in China wie ein Staatsgeheimnis behandelt. Politischer Einfluss ist in der gesamten Branche enorm. Heute befindet sich fast die Hälfte des registrierten Kapitals in Chinas Chipindustrie entweder in staatlichem Besitz oder unter staatlicher Kontrolle, sagt Saloni Gankar, Halbleiterexpertin von Omdia. Durch koordinierte Finanzierung lenke China Ressourcen in heimische Kapazitäten und übe Druck auf Industrien wie Elektroautohersteller aus, mehr Chips von lokalen Lieferanten zu beziehen.
Technologisch hinkt SMIC hinterher. Chips mit Strukturgrößen von weniger als sieben Nanometern sind für die Chinesen schwer zu fertigen. TSMC bietet dagegen inzwischen Zwei-Nanometer-Technologie an. Je kleiner die Struktur, desto energieeffizienter und leistungsstärker der Chip – simpel gesagt: mehr Leistung pro Strom.
Auch die Ausbeute (Yield: wie viele Chips pro Wafer am Ende fehlerfrei sind) sei bei SMIC geringer als bei TSMC, schreiben Analysten von Jefferies. Grund sei im Wesentlichen, dass SMIC wegen der Sanktionen keinen Zugang zu den modernsten westlichen Produktionsverfahren habe.
Maschinenbauer werden damit zum entscheidenden Faktor, sagen wiederum Jefferies-Analysten. Das Design sei nicht das Hauptproblem, vielmehr fehlten Anlagen einheimischer Produzenten, um fortschrittliche Chips mit sieben Nanometern und weniger zu bauen. Die globalen Spitzenreiter TSMC, Samsung und Intel nutzen dafür Equipment von ASML aus den Niederlanden. Die niederländische Regierung hat den Export der modernsten Anlagen jedoch untersagt.
Ironischer Nebeneffekt: Genau das beschleunigt den Aufbau chinesischer Alternativen. TechInsights-Analysten schreiben, die Exporthürden hätten die Entwicklung und Einführung in China hergestellter Halbleitermaschinen ironischerweise beschleunigt. Zu den aussichtsreichsten Herausforderern zählt Sicarrier, 2021 in Shenzhen gegründet, eng mit Huawei. Die Firma entwickelt Maschinen für Lithografie, Ätzen, Abscheidung und Messtechnik – also die Kernschritte in der Chipproduktion.
SMEE, gegründet 2002 in Shanghai, gilt als Chinas führender Lithografie-Maschinenbauer und wird oft als Chinas ASML bezeichnet. 2025 lieferte SMEE Chinas erste eigene 28-Nanometer-Maschine. Zu den Kunden zählen Berichten zufolge SMIC und Hua Hong. Stärker ist SMEE bislang im Packaging (das ist die Verpackung und Verbindung der Chips, damit sie im System funktionieren). An EUV-Lithografie arbeitet das Unternehmen ebenfalls – EUV steht für extrem ultraviolettes Licht, die Königsklasse für winzigste Strukturen. Ein marktreifes System gilt aber frühestens gegen Ende des Jahrzehnts als realistisch.

