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12. Dezember 2025

Chef geht, Ziele explodieren: Warum Munich Re jetzt plötzlich mutiger wird

Munich RE
Foto: depositphotos.com / postmodernstudio

Der Chef geht – und wirft kurz vorher noch einen Brocken auf den Tisch: Munich Re setzt sich bis 2030 auffällig hohe Ziele und serviert dem Kapitalmarkt damit eine Ansage, die viele so nicht auf dem Zettel hatten.

Die ersten 25 Minuten der Medienkonferenz gehören trotzdem noch Joachim Wenning. Seit 2017 führt der 60-Jährige den Rückversicherer. Seine Ziele bis 2025 hat er nach eigenen Maßstäben übertroffen: Der Aktienkurs hat sich in dieser Zeit verdreifacht, das Jahresergebnis seit 2020 in etwa verdoppelt.

Wenning ist aber faktisch schon auf dem Absprung. Seit dem Sommer ist klar: Zum Jahresende ist Schluss als CEO. Trotzdem stellt er am Donnerstag die neue Strategie bis 2030 persönlich vor – obwohl sein Nachfolger Christoph Jurecka längst bereitsteht.

Jurecka übernimmt ab Januar den Chefposten. Am Investorentag muss er jedoch in seiner aktuellen Rolle bleiben: Noch als Finanzvorstand präsentiert er vor allem die neuen Finanzziele. Umsetzen muss die Strategie „Ambition 2030“ am Ende er – nicht Wenning. Genau deshalb hatten Analysten erwartet, dass Jurecka schon an diesem Tag stärker eigene Akzente setzt.

Mehr Gewinn, mehr Ausschüttung – und zwar ziemlich forsch

Kern von „Ambition 2030“: Munich Re will die Gewinne weiter nach oben schieben und den Großteil davon an die Aktionäre zurückreichen. Der Gewinn je Aktie soll bis 2030 im Schnitt um mehr als acht Prozent pro Jahr steigen. Die Eigenkapitalrendite (RoE – vereinfacht: wie viel Gewinn aus dem eingesetzten Eigenkapital herausgeholt wird) soll über 18 Prozent liegen. 80 Prozent des Gewinns sollen über Dividenden und Aktienrückkäufe an die Aktionäre gehen, bei einer Solvenzquote von mehr als 200 Prozent (das ist die „Sicherheitsreserve“ des Versicherers über den regulatorischen Anforderungen).

Damit geht Munich Re über die alte Strategie hinaus. Die sah unter anderem ein Gewinnwachstum je Aktie von mindestens fünf Prozent vor und zuletzt eine Eigenkapitalrendite von 14 bis 16 Prozent – auch das hatte der Konzern am Ende übertroffen.

An der Börse kam das Paket gut an: Munich Re gehörte am Donnerstag zu den Gewinnern im Dax. Citi-Analyst James Shuck nennt die Vorgaben „ambitioniert“ – auch weil Munich Re ihre Ziele oft eher übertrifft. Er verweist zudem auf das Gewinnziel für 2026, das nach seiner Lesart Spielraum für spätere Prognoseanhebungen andeutet.

Jefferies-Analyst Philip Kett legt noch eine Schippe drauf: Er bezeichnet den Plan sinngemäß als erstaunlich stark und deutlich besser als erwartet. Für ihn wirkt das weniger wie plötzlicher Leichtsinn – eher wie ein Hinweis, dass Munich Re bislang sehr vorsichtig gerechnet hat und jetzt von mehreren Wachstumschancen profitiert.

Sparen, KI, mögliche Personalfolgen

Schon fürs kommende Jahr plant Munich Re einen Nettogewinn von 6,3 Milliarden Euro. Das sind 300 Millionen mehr als das Ziel für 2025. Wenning hatte zuvor außerdem klargemacht, dass sechs Milliarden Euro aus seiner Sicht nicht „das Ende der Fahnenstange“ sind. Der Versicherungsumsatz soll 2026 auf 64 Milliarden Euro steigen – zwei Milliarden mehr als der Durchschnitt der Analystenprognosen.

Dass die neue Strategie gleich fünf Jahre umfasst und nicht nur drei, werten Experten als Kraftsignal. Wenning begründet das mit Diversifikation: Je breiter ein Konzern aufgestellt ist, desto besser federt er geopolitische Unsicherheiten ab.

Zur Strategie gehört aber auch ein harter Kostenteil: Die jährlichen Einsparungen sollen bis 2030 auf etwa 600 Millionen Euro steigen. Ob das Jobs kostet, wollten weder Jurecka noch Wenning bestätigen. Klar ist nur: Gespräche mit Sozialpartnern laufen, Details sollen später folgen.

Beide setzen dabei auf mehr Effizienz durch Künstliche Intelligenz. Übersetzt: KI soll Abläufe schneller, billiger, sauberer machen – und Mitarbeiter sollen enger mit entsprechenden Tools arbeiten. Gerade die Erstversicherungstochter Ergo nutzt solche Anwendungen laut Management bereits an mehreren Stellen.

Rückversicherung: Preise wackeln, andere Sparten sollen tragen

Ergo soll im nächsten Jahr 0,9 Milliarden Euro zum Ergebnis beitragen. Wenning kündigt dort zusätzlich ein Effizienzprogramm an. Ergo-Deutschlandchef Oliver Willmes hatte dem Handelsblatt zuletzt gesagt, künftig würden im Wettbewerb vor allem Versicherer bestehen, die nicht nur fachlich stark sind, sondern konsequent Kosten drücken.

Zur Einordnung: Rückversicherer nehmen gegen Prämie Risiken von Erstversicherern ab – sie versichern also Versicherer, etwa wenn Naturkatastrophen, Großschäden oder Serien von Schadenfällen drohen.

In der Rückversicherung erwartet Munich Re 2026 einen Nettogewinn von 5,4 Milliarden Euro – rund 200 Millionen über den Analystenschätzungen. Gleichzeitig bröckeln nach Jahren starker Prämienanstiege die Preise, besonders bei Naturkatastrophendeckungen. Das Geschäft wird also rauer.

Deshalb verlagert Munich Re das Wachstumsnarrativ: Mehr Ertragswachstum sieht der Konzern in der Leben-Rückversicherung, in Spezialversicherungen und bei Ergo. Diese stabileren Felder sollen Schwankungen aus der Schaden-Rückversicherung abpuffern.

Zukäufe sind ebenfalls eingeplant. Jurecka schließt Übernahmen in der Schaden-Rückversicherung aus, hält sie aber in Spezialversicherungen und bei Ergo für möglich. Erst in diesem Jahr hat Ergo den US-Digitalversicherer Next übernommen.

Mehr Risiko im Depot – und Streit um Klimaziele

Jurecka will in der Kapitalanlage zusätzliches Risikokapital freischaufeln, um alternative Investments auszubauen – zum Beispiel Private Credit (Kredite außerhalb klassischer Bankdarlehen) oder Infrastruktur. Das „günstige Marktumfeld“ solle genutzt werden, sagt er.

Parallel hält Munich Re an „ehrgeizigen“ nicht-finanziellen Zielen fest: Klimaziele Richtung Netto-Null beim Schadstoffausstoß – fürs Investmentportfolio und fürs Versicherungsgeschäft – sowie Ziele für Vielfalt und Chancengleichheit. Kritik kommt von der Umweltorganisation Urgewald: Sie nennt die neuen Klimaziele enttäuschend ambitionslos, weil aus ihrer Sicht Lücken in den Richtlinien bleiben. Außerdem ist Munich Re zuletzt aus mehreren internationalen Klimainitiativen ausgetreten.

Spannend bleibt, ob die neue Führung die Messlatte wirklich reißfest macht – oder ob der Investorentag am Ende nur der Moment war, in dem Munich Re besonders laut „wir können mehr“ gerufen hat.