Vier Milliarden Euro für eine einzige Serverwiese – wer da noch von „Nebenthema Digitalisierung“ spricht, hat das Memo verpasst. Am Nordostrand des Ruhrgebiets soll in Lippetal ein Rechenzentrumscampus entstehen, der – wenn alles durchläuft – zu den größten IT-Infrastrukturprojekten in Deutschland zählen dürfte.
Nach Informationen aus Finanzkreisen legt der US-Finanzinvestor Blackstone dafür bis zu vier Milliarden Euro auf den Tisch. Im Dezember haben Blackstone und die Industriegebiet Westfalen GmbH nach eigenen Angaben den Vertrag für den Kauf eines 27 Hektar großen Grundstücks unterschrieben. Die Anteile an der Gesellschaft teilen sich die Stadt Hamm und die Gemeinde Lippetal je zur Hälfte.
Erst der Papierkram, dann die Bagger
Nach dem Kaufvertrag soll schnell das Planverfahren starten – also der offizielle Genehmigungs- und Abwägungsmarathon, bei dem am Ende feststeht, was dort gebaut werden darf und was nicht. Lippetals Bürgermeister Tobias Nillies rechnet damit, dass der öffentliche Prozess rund zwei Jahre dauert.
Das Projekt kommt nicht aus dem Nichts: Das Handelsblatt hatte bereits im Dezember exklusiv berichtet, dass Blackstone mit der nordrhein-westfälischen Landesregierung über ein Rechenzentrum verhandelt. Jetzt wird aus Gesprächen ein konkreter Standort – und aus einer Idee eine Fläche.
Blackstone spannt dafür mit Quality Technology Services (QTS) zusammen, einem US-Spezialisten für Rechenzentren. Die Botschaft dahinter ist klar: Hier soll kein Bastelprojekt entstehen, sondern ein Campus, der am Ende ordentlich Leistung liefern kann.
Warum die Branche gerade heiß läuft
Blackstones Europa-Manager James Seppala nennt Deutschland und besonders Nordrhein-Westfalen attraktive Standorte für Rechenzentren. Übersetzt heißt das: viel Industrie, viele Nutzer, viel Bedarf – und damit ein Markt, in dem sich solche Betonklötze mit Servern rechnen können.
Auffällig ist, wie viele Finanzinvestoren plötzlich bei Rechenzentren mitmischen wollen. Vicente Vento, Gründer und CEO des Finanzinvestors DTCP, beobachtet genau das. Seine Lesart: In Europa kommt die Welle erst an – hier sei noch viel zu bauen. Vento ist unter anderem mehrheitlich am Datenzentrumsbetreiber Maincubes beteiligt.
Auch die Zahlen aus der Branche zeigen, warum das Thema so zieht: Bitkom zufolge hat sich die Kapazität von Rechenzentren in Deutschland seit 2015 auf 3000 Megawatt verdoppelt. Und der Verband erwartet für dieses Jahr Investitionen von rund 15,3 Milliarden Euro – davon zwölf Milliarden in IT-Hardware, vor allem Chips. Weitere 3,3 Milliarden Euro sollen in Infrastruktur fließen, also Grundstücke, Gebäude und Klimatechnik.
Rendite gerne – aber nur mit stabilem Netz
Der Ton aus den Investmenthäusern ist dabei wenig romantisch, aber eindeutig. Alex Bleck, Leiter Investmentbanking bei Nomura für Deutschland und Österreich, bringt es sinngemäß auf den Punkt: Rechenzentren fressen Kapital, aber wer ein ordentliches Risiko-Rendite-Profil bekommt, stellt Geld hin. „Risiko-Rendite-Profil“ ist Banker-Deutsch für: Wie wahrscheinlich ist Ärger – und was springt dafür raus?
Katja Ksoll, Leiterin Debt Advisory bei Lazard, betont ebenfalls das grundsätzliche Interesse. Besonders gefragt seien Beteiligungen an Projekten mit soliden Rahmenbedingungen. Gemeint ist: Das Grundstück muss gesichert sein – und vor allem der Netzanschluss. Ohne Stromleitung keine Server, ohne Server keine Mieteinnahmen. So simpel ist das am Ende.
Ob dort eine KI-Gigafactory entsteht, ist nach Aussage von Blackstone derzeit offen. Gemeint wäre ein besonders großes KI-Rechenzentrum mit 100.000 oder mehr Spezialchips. Solche Anlagen braucht man, um große Sprachmodelle zu trainieren – also die Technik, die auch hinter Chatbots wie ChatGPT steckt.
QTS wagt den Deutschland-Start
Für QTS wäre das Projekt der erste Schritt nach Deutschland. In Europa hat der Betreiber bereits zwei Rechenzentren in den Niederlanden gebaut, entwickelt eines in Großbritannien und plant ein weiteres in Spanien.
In den USA ist QTS in 16 Bundesstaaten vertreten. Die Anlagen mit der größten Rechenleistung stehen dem Bericht zufolge in Georgia, Colorado, Oregon, Texas und Virginia – also dort, wo Platz, Energie und große Datenströme zusammenkommen.
Warum Lippetal? Aus Sicht der Finanzkreise sprechen mehrere Punkte dafür. Der wichtigste: ein starkes, robustes Stromnetz, begünstigt durch die Nähe zum Ruhrgebiet. Dazu kommt der Zugang zu qualifizierten Mitarbeitern – auch über die Hochschule Hamm-Lippstadt.
Für NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst ist das Vorhaben ein Etappensieg. Der Christdemokrat wirbt seit Längerem bei angelsächsischen Finanzinvestoren um Rechenzentren für NRW – und steht dabei im Wettbewerb mit anderen Ländern wie Bayern oder Brandenburg. Entscheidend wird nun, wie schnell aus dem Vertrag ein belastbarer Plan wird – und ob am Ende nicht die üblichen Engpässe bei Verfahren und Stromanschlüssen den Takt vorgeben.

