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30. Dezember 2025

Bill Gates warnt vor der KI-Blase – aber sind Tech-Aktien wirklich so gefährlich?

KI
Foto: depositphotos.com / Syda_Productions

Die Kurse der großen Tech-Aktien kleben auf Rekordhöhe – und trotzdem wirkt das Ganze bislang weniger wie eine wilde Dotcom-Party, sondern eher wie ein teurer, aber noch halbwegs geordneter Betriebsausflug. Entwarnung ist das nicht. Nur: Wer jetzt schon den Crash ausruft, muss erklären, warum die Gewinne der Konzerne so egal sein sollen.

An Warnungen mangelt es jedenfalls nicht. Bill Gates vergleicht den KI-Boom mit der Dotcom-Blase: Ein paar Firmen würden groß abräumen, viele Nachahmer dagegen Geld verbrennen. Sein Punkt: KI ist riesig – aber längst nicht jede Wette darauf geht auf. Ähnlich vorsichtig klingt OpenAI-Chef Sam Altman, der vor zu hohen Erwartungen warnt.

Auch die EZB schaut zunehmend nervös auf die Märkte. Als Risiko für die Finanzstabilität nennen die Notenbanker hohe Bewertungen und die wachsende Abhängigkeit von wenigen US-Tech-Riesen. EZB-Vizepräsident Luis de Guindos beschreibt das klassische Muster: Nach schnellen Kurserholungen fühlen sich Investoren unverwundbar, die Angst, etwas zu verpassen, treibt Indizes auf Rekordniveau. Kippt aber die Stimmung – wegen schwacher Wachstumsaussichten oder weil KI am Ende doch nicht so effektiv in der Breite eingesetzt wird –, kann es abrupt gehen.

Dotcom-Deja-vu – aber nicht eins zu eins

Wer schon länger an der Börse unterwegs ist, bekommt bei so viel Euphorie automatisch Flashbacks. Um die Jahrtausendwende reichte damals oft ein „.com“ im Namen, und die Kurse liefen wie auf Koffein. Dann kam die Ernüchterung – und danach die Panik. Die Tech-Börse Nasdaq verlor zwischen Frühjahr 2000 und Herbst 2002 rund 80 Prozent. Der Neue Markt in Deutschland brach zwischen März 2000 und März 2003 um 98 Prozent ein. Das war kein Rücksetzer, das war Abriss.

Der Knackpunkt: Damals hatten viele Tech-Firmen kaum Gewinne oder gar keine. Anleger zahlten für Fantasie und Zukunftsmusik. Heute ist das anders – die großen Tech-Konzerne zählen zu den gewinnträchtigsten Unternehmen der Welt. Genau deshalb wirkt der reflexhafte „Blase!“-Ruf zu simpel.

De Guindos formuliert es diplomatisch, aber klar: Von einer Blase zu sprechen, bilde die Perspektive nicht sauber ab. Die Kurstreiber hätten diversifizierte Geschäftsmodelle, stabile Gewinne und geringe Verschuldung. Kurz: Das ist nicht die Bühne voller Luftschlösser wie Anfang der 2000er.

Teuer – ja. Maßlos – eher nicht.

Eine Bilanz- und Bewertungsbrille hilft beim Sortieren. Wer die bekannten sieben US-Tech-Schwergewichte Nvidia, Apple, Alphabet, Amazon, Microsoft, Meta und Broadcom kauft, bezahlt sie – heruntergerechnet auf die erwarteten Nettogewinne der nächsten vier Quartale – im Schnitt mit dem 28-fachen Gewinn. Das ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis: grob gesagt der Preis, den der Markt für einen Euro Gewinn verlangt. Je höher, desto mehr Vorschusslorbeeren.

Zum Vergleich: Der breite S&P 500 kommt auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 22,1. Die Lieblinge sind also höher bewertet als der Gesamtmarkt, aber nicht völlig entkoppelt.

Wichtig ist dabei ein Punkt, den viele übergehen: Die Gewinne dieser Tech-Riesen wachsen seit Jahren schneller als die der Firmen im S&P 500. Vor fünf Jahren verdienten Nvidia, Alphabet, Amazon, Apple, Broadcom, Meta und Microsoft zusammen umgerechnet 176 Milliarden Euro. 2025 werden es rund 550 Milliarden Euro sein. Wenn Gewinne so stark steigen, sinkt das Kurs-Gewinn-Verhältnis im Zeitverlauf oft – selbst bei hohen Kursen.

Ein Blick auf die einzelnen Werte zeigt, wie unterschiedlich der Markt bepreist: Meta liegt mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 19,4 am niedrigsten. Amazon und Nvidia kommen auf 25, Alphabet und Microsoft auf 27. Apple ist mit 33,7 am teuersten. Das ist kein blindes „alles gleich geil“, sondern eine Abstufung – der Markt honoriert Wachstum, aber er verteilt die Aufschläge nicht identisch.

Halbleiter: heiß gelaufen, aber nicht überall überhitzt

Auch bei Halbleiteraktien, die 2025 besonders stark gestiegen sind, ist das Bild nicht durchgehend brenzlig. Die Branche stand wegen der Chipnachfrage im Scheinwerferlicht – logisch, ohne Chips keine KI-Rechenpower. Trotzdem: Eine dramatisch gefährliche Bewertungsblase lässt sich pauschal nicht herauslesen.

Zwölf Halbleiter-Unternehmen stehen inzwischen unter den 100 wertvollsten Konzernen der Welt. Sieben davon sind höher bewertet als der S&P 500, fünf liegen darunter. Das spricht eher für eine selektive Übertreibung als für kollektiven Wahnsinn.

Fünf Argumente, warum das noch keine KI-Blase sein muss

Pamela Hegarty, Fondsmanagerin bei BNP Asset Management, nennt fünf Indizien gegen die klassische Blasen-These:

Erstens: Die führenden KI-Anbieter hätten außergewöhnlich starke Bilanzen und solide Cashflows. Also nicht Storytelling, sondern echtes Geld im Laden.

Zweitens: KI stecke in Unternehmen noch in einer frühen Phase. Das Marktpotenzial sei längst nicht ausgeschöpft – viele Firmen testen erst, statt schon flächendeckend umzubauen.

Drittens: Die Infrastruktur ist heute da. Highspeed-Internet, Cloud-Plattformen und Smartphones machen es möglich, KI-Anwendungen sofort auszurollen. Zur Internetblase war vieles davon noch Baustelle: Glasfasernetze mussten mit riesigen Vorabinvestitionen überhaupt erst gelegt werden.

Viertens: Die Bewertungen seien im historischen Vergleich moderat. Nicht billig, aber auch nicht komplett abgehoben.

Fünftens: Viele KI-Unternehmen bleiben länger privat und gehen nicht sofort an die Börse. Spekulative Bewertungen und Risiken konzentrieren sich dadurch eher bei Private Equity und Venture Capital – die öffentlichen Märkte sind weniger anfällig für eine Welle unreifer Börsengänge wie zur Dotcom-Zeit. Das senkt das Risiko einer systemischen Blase.

Trotzdem keine Entwarnung: Das dickere Risiko liegt woanders

So beruhigend das klingt: Die Bewertungslage bedeutet nicht, dass der Markt automatisch sicher ist. Das Institut Sentix, spezialisiert auf Stimmungsanalysen, vermutet weniger eine reine KI-Blase als eine klassische Bewertungsblase am gesamten US-Aktienmarkt. Der US-Markt sei historisch sehr teuer und anfällig für Rückschläge, sagt Sentix-Co-Geschäftsführer Patrick Hussy.

Dafür gibt es ein handfestes Argument: Der S&P 500 liegt mit seinem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 22,1 derzeit 36 Prozent über seinem historischen Mittel der vergangenen 20 Jahre. Das sieht nach Überhitzung aus, die über Tech und KI hinausgeht.

Natürlich gilt: Überbewertet heißt nicht automatisch „muss morgen fallen“. Preise entstehen durch Angebot und Nachfrage – und solange genug Geld in Aktien will, können Kurse länger teuer bleiben, als Skeptiker glauben. Aber auf Dauer wird es schwierig, wenn Investoren anderswo bessere Deals bekommen.

Genau da kommt der Gegenspieler ins Bild: Anleihen. Je stärker deren Renditen steigen – etwa weil Staaten und Unternehmen sich weiter verschulden –, desto attraktiver wirken sie im Vergleich zu teuren Aktien. Für Aktionäre ist das der Moment, in dem aus „läuft schon“ schnell „warum eigentlich noch?“ werden kann. Entscheidend wird 2026, wie stark dieser Konkurrenzdruck durch höhere Renditen wird – und ob die Gewinnstory der großen Tech-Konzerne dann weiter liefert oder Risse bekommt.