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18. Februar 2026

Bayer zahlt 7,25 Milliarden – und die Aktie dreht plötzlich nach oben

Bayer
Foto: Depositphotos.com / MichaelVi

7,25 Milliarden Dollar – so viel kostet Bayer der Versuch, den Glyphosat-Krieg in den USA endlich runterzukochen. Der Markt hat genau darauf gewartet: Die Aktie sprang im späten Frankfurter Handel um mehr als sieben Prozent auf 49,25 Euro und markierte ein Jahreshoch. Erleichterung statt Nervenzittern – zumindest fürs Erste.

Bayer will den größten Brocken der US-Sammelklagen rund um den Unkrautvernichter Roundup loswerden. Nutzer führen ihre Krebserkrankungen auf das Mittel zurück, das Bayer über die Tochter Monsanto verkauft. Der Konzern hält das weiter für nicht stichhaltig – will das Thema aber weg aus den Schlagzeilen und raus aus der Dauer-Unsicherheit.

In einer Telefonkonferenz am Dienstagabend machte Vorstandschef Bill Anderson klar, worum es ihm geht: Schluss mit dem jahrelangen Rechtsnebel, wieder mehr Blick aufs Kerngeschäft. Dass das Geld kostet, räumt er ein. Die Belastung soll sich aber über viele Jahre ziehen – und Bayer habe einen Plan, wie das finanziert wird.

Rückstellungen rauf – das ist der Preis

Der Plan hat einen dicken Haken: Bayer muss mehr Geld für juristische Altlasten beiseitelegen. Insgesamt stehen nun 11,8 Milliarden Euro als Rückstellung für Rechtsstreitigkeiten in der Bilanz – vier Milliarden mehr als bisher. Allein für Glyphosat steigt der Topf auf 9,6 Milliarden Euro (vorher 6,5 Milliarden).

In der Erhöhung stecken auch Einigungen mit anderen Klägern – unter anderem in Fällen rund um Glyphosat und die Chemikalie PCB. Bayer kauft sich damit vor allem eins: Ruhe im Maschinenraum. Oder zumindest den Eindruck davon.

Der Ärger ist bekanntlich alt: Als Bayer Monsanto vor knapp zehn Jahren für 59 Milliarden Euro kaufte, war Roundup schon umstritten. Danach kamen die Klagen in Wellen. Zehntausende Kläger machten Bayer das Leben schwer. Der Konzern blieb bei seiner Linie und verweist darauf, dass Regulierungsbehörden weltweit Glyphosat bei sachgerechter Anwendung für sicher halten.

Finanzierung ohne frisches Geld der Aktionäre

Trotzdem: So ein Vergleich will bezahlt sein. Und zwar ohne neue Aktien, also ohne Verwässerung. Obwohl sich der Vorstand die Genehmigung für eine Kapitalerhöhung geholt hatte, soll kein frisches Kapital kommen. Finanzvorstand Wolfgang Nickl setzt stattdessen kurzfristig auf eine Kreditlinie über acht Milliarden Dollar.

Später soll das über Anleihen und hybride Instrumente ersetzt werden – das klingt nach Fachchinesisch, ist aber im Kern eine Mischform: ein Finanzprodukt, das irgendwo zwischen klassischer Anleihe und Eigenkapital liegt und von Ratingagenturen teilweise wie Eigenkapital gewertet wird. Bayer will also Geld besorgen, ohne gleich die Eigenkapital-Karte voll auszureizen.

Die Aktie feierte genau diese Mischung: teurer Vergleich, aber weniger Rechtsrisiko. Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Deka nennt den Schritt zu begrüßen, weil auch zukünftige Forderungen erfasst seien – und sieht Bayer damit auf Linie der Investoren, die schneller sinkende Rechtsrisiken fordern.

Markus Manns von Union Investment klingt deutlich weniger euphorisch: Bayer habe vermutlich das Beste aus einer verfahrenen Lage gemacht, aber es sei noch nicht der Befreiungsschlag, auf den viele gehofft hätten. Mit anderen Worten: besser als Stillstand, aber noch kein Thema erledigt.

Supreme Court als Joker – aber kein Selbstläufer

Für zusätzliche Hoffnung sorgte schon im Januar ein Signal aus Washington: Der Supreme Court hat eingewilligt, sich grundsätzlich mit einem Fall zu befassen. Für Bayer bedeutet das die Chance auf mehr Rechtssicherheit – Anderson sagt, erst dieser Beschluss habe die Vergleiche möglich gemacht, weil die Kläger wieder an den Tisch kamen.

Der Konzern fährt dabei zweigleisig. Wenn der Supreme Court im Sinne von Bayer entscheidet, könnten viele Klagen wegen angeblich fehlender Warnhinweise rechtlich ins Leere laufen. Der Vergleich ist das Sicherheitsnetz für alles, was nicht darunter fällt. Ein Schuldeingeständnis, betont Anderson, sei damit nicht verbunden.

Aber genau da liegt die offene Flanke: Wenn Bayer vor dem Supreme Court scheitert, kann in ein paar Jahren die nächste Klagewelle anrollen. Das Risiko ist nicht weg – es ist nur anders verpackt.

Finanzkalender verschoben, Cashflow unter Druck

Der Deal schlägt sofort auf den Terminplan durch. Bayer verschiebt die Bilanz-Pressekonferenz vom 25. Februar auf den 4. März 2026, damit die Vergleichsvereinbarungen in den Jahreszahlen sauber drin sind.

Und auch operativ wird’s ungemütlich: Wegen anstehender Auszahlungen von geschätzt rund fünf Milliarden Euro im laufenden Jahr rechnet Bayer für 2026 mit einem negativen Free Cashflow – also mit einem Minus beim freien Mittelzufluss. Eine Kapitalerhöhung ist laut Mitteilung dennoch nicht geplant; die direkte Finanzierung soll über die Kreditlinie abgesichert sein.

Schon 2020 hatte Bayer zehn Milliarden Dollar gezahlt, um viele damals anhängige Klagen beizulegen – für künftige Krankheitsfälle klappte das damals aber nicht. Diesmal soll die Vereinbarung laut Bayer auch mögliche künftige Klagen abdecken.

Die Zahlungen von bis zu 7,25 Milliarden Dollar sollen sich über bis zu 21 Jahre strecken. In den nächsten fünf Jahren wären jeweils rund eine Milliarde fällig – also kein Schlag auf einmal, eher ein langer Marsch.

Ganz durch ist das Paket trotzdem nicht. Der Vergleich braucht noch das Okay eines Gerichts in St. Louis im Bundesstaat Missouri. Führende Kläger-Anwälte haben dort laut Bayer bereits einen Antrag auf vorläufige Genehmigung eingereicht. Außerdem müssen die Kläger selbst mitziehen – sagen zu viele Nein, kann Bayer wieder aussteigen. Anderson erwartet, dass fast alle einschlagen. Die entscheidende Frage bleibt: Hält diese Ruhe länger als nur ein paar Börsentage?