Bayer verdient im Tagesgeschäft ordentlich Geld, wird an der Börse aber so bewertet, als stünde der Konzern mit einem Bein im Abriss. Diese Lücke zwischen Realität und Kurszettel wird von Woche zu Woche auffälliger.
Ohne die ganzen Sondereffekte aus Glyphosat- und PCB-Klagen plus Konzernumbau käme Bayer in diesem Jahr auf einen Nettogewinn von rund fünf Milliarden Euro. Rechnet man das mit einem üblichen 15-fachen Gewinnfaktor hoch – also dem, was ein solide laufender Pharma- und Agrarchemiekonzern normalerweise an der Börse bekommt –, landet man bei etwa 75 Milliarden Euro Unternehmenswert. Tatsächlich bringt Bayer aktuell nur etwas über 30 Milliarden Euro auf die Waage. Und das, obwohl die Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten bereits auf 7,8 Milliarden Euro hochgezogen wurden. Der Markt preist also ein Szenario ein, in dem die Vergangenheit den Konzern noch sehr lange und sehr teuer verfolgt.
Klagerisiken überstrahlen das Kerngeschäft
Das Bild ist klar: Alles dreht sich um Risiken. Anleger starren auf US-Gerichtssäle, auf Vergleichssummen und auf neue Klagen – als gäbe es daneben kaum noch ein operatives Geschäft. Glyphosat und PCB sind zum Brennglas geworden, durch das der ganze Konzern betrachtet wird.
Dabei zeigen die Zahlen ohne diese Altlasten ziemlich deutlich, dass Bayer kein Sanierungsfall ist, sondern ein Konzern mit stabiler Ertragsbasis. Wer sich den Bewertungsabschlag ansieht, merkt schnell: Hier wird weniger der Ist-Zustand bezahlt als ein dicker Puffer für mögliche Rückschläge. Das kann man vorsichtig nennen – oder übertrieben, je nach Risikohunger. Klar ist: Wer in die Aktie geht, wettet darauf, dass das Thema Klagen beherrschbar bleibt und nicht aus dem Ruder läuft.
Pharma lebt – nicht nur auf dem Papier
Besonders spannend: Die Pharmasparte beginnt wieder, positive Schlagzeilen zu liefern. Der Gerinnungshemmer Asundexian – vereinfacht gesagt ein Medikament, das gefährliche Blutgerinnsel verhindern soll – hat in Studien zuletzt überzeugende Daten gebracht. Das ist kein nettes Beiwerk, sondern potenziell ein Milliardenmarkt, wenn die Zulassungen kommen und die Nachfrage stimmt.
Dazu kommen junge Medikamente wie Nubequa gegen Krebs und Kerendia gegen Nierenleiden, die ihre Umsätze Schritt für Schritt ausbauen. Hier wächst etwas nach, das die Lücke auslaufender Blockbuster mittelfristig schließen kann. Obendrauf arbeitet Bayer an Gen- und Zelltherapien gegen Parkinson – Therapien, bei denen direkt an Erbgut und Zellen angesetzt wird und die entsprechend große Erwartungen wecken. Noch ist das Zukunftsmusik, aber es zeigt: Die Pipeline ist nicht tot, sie wird gerade wieder lauter.
Agrarchemie als verlässlicher Malocher
Parallel dazu läuft in der Agrarsparte das Massengeschäft weiter – Maissaatgut, Pflanzenschutz, glyphosatfreie Unkrautmittel. Kein Glamour, keine großen Storys, aber ein solide arbeitender Bereich, der Jahr für Jahr Cash in die Kasse bringt. Genau dieser Malocher-Charakter der Sparte geht im Lärm um die Klagen leicht unter.
Für einen Dax-Konzern ist diese Mischung aus robustem Agrargeschäft und anziehender Pharma-Pipeline alles andere als langweilig. Aber sie entfaltet erst Wirkung, wenn der Markt bereit ist, wieder hinzuschauen – und nicht nur auf die nächste Schlagzeile aus den USA zu warten. Anleger sollten im Hinterkopf behalten: Rückstellungen von 7,8 Milliarden Euro sind ein dicker Brocken, aber sie sind auch ein Signal, dass Bayer das Problem aktiv adressiert und nicht wegdrückt.
Die 30-Euro-Marke als Nagelprobe
Spannend wird es beim Blick auf den Kurs. Hält sich die Bayer-Aktie dauerhaft über der Marke von 30 Euro, wäre das mehr als ein kleiner Achtungserfolg. Es wäre ein Hinweis darauf, dass die Verkäufer langsam müde werden und erste Investoren den Bewertungsabschlag als überzogen ansehen.
Genau hier entscheidet sich, ob Bayer an der Börse das Image des ewigen Problemfalls behält oder ob aus der Krisenstory eine Comeback-Geschichte wird. Bleibt der Kurs über dieser Schwelle und untermauert das operative Geschäft die Erwartungen, könnte aus dem aktuell misstrauischen Blick des Marktes rasch neugieriges Interesse werden. Die kommenden Monate zeigen, ob aus diesem Ansatz eine echte Trendwende wird – oder nur ein kurzes Aufbäumen im Dauerstreit um die Vergangenheit.

