Die Fed schneidet den Leitzins zum dritten Mal in Folge herunter – und legt damit offen, wie zerstritten der Laden inzwischen ist. Die Spanne der Fed Funds Rate sinkt um 0,25 Prozentpunkte auf 3,5 bis 3,75 Prozent. Offiziell gibt die Notenbank Entwarnung bei Wachstum und Inflation, gleichzeitig drückt sie weiter auf die Zinsbremse. Für 2026 erwartet sie jetzt 2,3 Prozent Wirtschaftswachstum statt zuvor 1,8 Prozent. Die Inflationsprognose für 2026 fällt von 2,6 auf 2,4 Prozent, für 2025 von 3,0 auf 2,9 Prozent. Powell schiebt den jüngsten Preisdruck vor allem auf neue Zölle – also auf die Politik, nicht auf eine überhitzte Konjunktur.
Börsen feiern, obwohl die Fed im Blindflug unterwegs ist
An den Märkten kommt die Botschaft an: Es wird gesenkt, aber nicht mehr so hart gedroht wie zuvor. Der Dow Jones legt nach kurzem Zögern über ein Prozent zu, der S&P 500 kratzt knapp am Allzeithoch. Am Anleihemarkt fällt die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe auf 4,155 Prozent, nachdem sie zuvor den höchsten Stand seit September markiert hatte. Für Anleger wirkt das wie ein halber Befreiungsschlag: Die Fed klingt weniger verbissen, als befürchtet.
Der Haken: Die Notenbank entscheidet mit alten Zahlen. Wegen des langen Shutdowns der US-Regierung fehlen für Oktober die Inflations- und Beschäftigungsdaten komplett, die Novemberwerte liegen erst zur nächsten Sitzung auf dem Tisch. Ausgerechnet in einer heiklen Phase muss die Fed also mit einem Rückspiegel arbeiten. Gleichzeitig dreht sie an der Bilanz: Kurzlaufende Staatsanleihen im Umfang von 40 Milliarden Dollar sollen angekauft werden. Offizielle Begründung: Der sogenannte Repo-Markt – also der Übernacht-Geldmarkt, auf dem sich Banken gegen Staatsanleihen als Sicherheit kurzfristig refinanzieren – soll stabil gehalten werden, und das System soll genug Reserven haben. Powell betont, das sei Technik, kein neues großes Ankaufprogramm.
Arbeitsmarkt wankt, Preise kleben über dem Ziel
Im Hintergrund schwelt ein Arbeitsmarktproblem. Laut Statistik sind seit April im Schnitt rund 40.000 neue Jobs pro Monat entstanden. Nach Einschätzung der Fed könnten statistische Effekte diese Zahl aber schönen – realistisch sei eher ein Rückgang von etwa 20.000 Stellen monatlich. Offiziell sieht alles noch halbwegs solide aus, in Wahrheit könnte der Arbeitsmarkt schon deutlicher an Kraft verlieren.
Parallel dazu bleibt die Inflation über dem Ziel. Die Teuerung liegt im September bei 3,0 Prozent, die Kerninflation – also ohne die besonders schwankenden Preise für Energie und Lebensmittel – bei 2,8 Prozent. Das Zwei-Prozent-Ziel ist damit klar verfehlt. Trotzdem setzt sich die Tauben-Fraktion durch: Das sind die Notenbanker, die eher niedrigere Zinsen zur Stützung des Arbeitsmarkts wollen. Die Falken, die bei solchen Inflationszahlen lieber straffer agieren würden, verlieren diese Runde. Die Mischung aus schwächelndem Jobmarkt und zäher Teuerung ist alles andere als bequem.
Ein Ausschuss, drei Lager – und ein Chef mit Autoritätsproblem
Wie tief der Riss geht, zeigt die Abstimmung im Offenmarktausschuss. Neun Mitglieder stimmen für die Zinssenkung, drei dagegen. Und diese drei ziehen nicht einmal an einem Strang: Jeffrey Schmid von der Fed in Kansas City und Austan Goolsbee aus Chicago wollten überhaupt keine Senkung. Stephen Miran, frisch im Gouverneursrat, fand den Schritt nach unten dagegen zu klein. Kurz gesagt: Die einen fürchten zu viel Lockerung, der andere zu wenig. Für ein Gremium, das Stabilität ausstrahlen soll, ist das ein denkbar mieses Bild.
Solch offener Widerspruch ist in der Historie des Offenmarktausschusses selten. Mehrere Gegenstimmen kommen vor, aber unterschiedliche Proteste in beide Richtungen sind die Ausnahme. Je größer der Streit, desto stärker steht die Führung infrage. Powells Mandat als Fed-Chef läuft im Mai 2026 aus, im Gouverneursrat könnte er theoretisch bis Januar 2028 sitzen bleiben. Historisch ist das heikel: Der letzte Vorsitzende, der nach seiner Amtszeit im Rat blieb, war Marriner S. Eccles Ende der 1940er-Jahre. Heute würde ein solcher Schritt als politisches Statement verstanden werden – und als Misstrauensvotum gegen den Nachfolger.
Trump drückt, Hassett winkt – und 2026 wird zum Stresstest
Parallel dazu trommelt die Politik. US-Präsident Donald Trump hat Kevin Hassett, Chef des Nationalen Wirtschaftsrats im Weißen Haus, als Favoriten für die Powell-Nachfolge ins Spiel gebracht. Hassett gilt als ausgesprochener Freund niedriger Zinsen. Analysten der Deutschen Bank ordnen ihn klar auf der Seite einer sehr lockeren Geldpolitik ein. Er selbst spricht von viel Spielraum für weitere Zinssenkungen – mit dem Zusatz, dass es bei steigender Inflation irgendwann genug sei. An den Märkten wird er schon jetzt wie ein Schattenvorsitzender beobachtet.
Trump drückt offen auf die Zinsschraube. Er hätte die Sätze am liebsten bei rund einem Prozent und kritisiert die aktuelle Senkung prompt als zu mickrig. Genau dieses Ein-Prozent-Ziel für 2026 halten viele Beobachter aber für unrealistisch. Die Bank of America erwartet lediglich zwei weitere Senkungen um je 0,25 Prozentpunkte im Juni und Juli 2026. Das würde die Spanne auf 3,0 bis 3,25 Prozent drücken. Damit ist klar: Die kommende Fed-Führung startet nicht mit gemütlicher Routine, sondern mitten in einer Mischung aus politischem Druck, angeschlagenem Arbeitsmarkt und hartnäckiger Inflation. Wie der neue Vorsitzende in diesem Setting eine stabile Linie durchsetzt, wird zur eigentlichen Prüfung.

