Auf einer Insel vor der südchinesischen Küste wächst ein Chemiewerk heran, das für BASF zum großen Hoffnungsträger taugen soll – und für die USA zum demokratisch lackierten Problemfall geworden ist. Die Botschaft aus Washington: Deutsche Konzerne hängen in China an russischem Gas, das sie sich in Europa abgewöhnen mussten.
Trumps Spitze gegen die deutsche Chemie
Im neuen Sicherheitsbericht der US-Regierung unter Donald Trump ist von einem „perversen Effekt“ des Ukrainekriegs die Rede: Europas, vor allem Deutschlands, Abhängigkeit vom Ausland habe sich weiter verschärft. Besonders deutlich wird ein Satz, der in Ludwigshafen jeden im Chefsessel nervös machen dürfte: Deutsche Chemieunternehmen bauten in China gigantische Verarbeitungsanlagen – mit russischem Gas, das ihnen zu Hause nicht mehr zur Verfügung stehe.
Offiziell fällt kein Name, faktisch zielt die Passage auf BASF. Kein anderer deutscher Chemieriese stemmt aktuell ein vergleichbares Milliardenprojekt in der Volksrepublik. Für rund zehn Milliarden Dollar entsteht auf der Insel Donghai vor der Stadt Zhanjiang ein neuer Verbundstandort, neun Quadratkilometer groß, also mehr als eine Kleinstadt. Die Eröffnung ist für das kommende Jahr geplant. Kritiker sehen darin seit Langem das Sinnbild einer China-Abhängigkeit, die im Schatten des Taiwan-Konflikts immer riskanter wirkt. Die Frage liegt auf der Hand: Baut BASF sich da einen Wachstumsmotor – oder eine geopolitische Zeitbombe?
Gas-Cocktail aus China – mit russischer Note
Beim Thema Gas versucht der Konzern, den Ball flach zu halten. BASF betont, man beziehe in China Erdgas ausschließlich von chinesischen Lieferanten und hänge am öffentlichen Netz wie jeder andere Industriebetrieb und Privatkunde. Es gebe keinen eigenen Energiehafen, keine direkten LNG-Deals, keine gezielten Verträge mit russischen Anbietern. Mit anderen Worten: Der Konzern entscheidet nicht, was genau durch die Pipelines schießt.
Nur löst das den Kern des Problems nicht. Der chinesische Gasmix enthält auch russische Lieferungen – und genau dieser Anteil dürfte eher wachsen als schrumpfen. China saugt mehr Gas aus Russland an, seit US-Sanktionen gegen das im August eröffnete Arctic-LNG-2-Projekt die Handelsströme durcheinanderbringen. Nach Branchendiensten gehen derzeit alle Ladungen von Arctic LNG 2 nach China, während das nahegelegene Jamal-LNG-Terminal überwiegend Europa beliefert. Spätestens ab November 2027, wenn die EU kein russisches Erdgas mehr kaufen will, muss ein Teil dieser Mengen neue Abnehmer finden. Dass ein wachsender Teil dieses Gas-Cocktails in China landet, ist alles andere als ausgeschlossen.
Branchenproblem – BASF steht nur im Rampenlicht
Was gerne untergeht: Am chinesischen Gasmix hängen nicht nur die Ludwigshafener. Wer in China mit Erdgas produziert, steckt im selben System. Dazu gehören deutsche Konzerne wie Covestro, Wacker und Lanxess ebenso wie der US-Rivale Dow mit seinem großen Standort in Zhangjiagang. Direkte, individuell verhandelte Lieferverträge wie in Europa sind dort eher exotisch. Die Unternehmen schließen sich an das staatlich organisierte Netz an – mit allen politischen und energiewirtschaftlichen Zutaten, die darin landen.
BASF versucht zumindest, die eigene Verwundbarkeit zu begrenzen. Am neuen Verbundstandort dient Erdgas nicht als Brennstoff, sondern nur als Grundstoff für chemische Produkte. Die Energieversorgung soll komplett über Strom aus erneuerbaren Quellen laufen. In einer Branche, die Erdgas traditionell als Allzweckwaffe für Ofen und Reaktor nutzt, ist das ein Unterschied. Der Vorwurf aus Washington, BASF lasse in China russisches Gas gleich doppelt für sich schuften, greift also zu kurz – auch wenn die politische Schlagkraft dieser Pointe unbestreitbar ist.
Die offene Flanke Europa
Brisant wird die Debatte, weil der Konzern die Kehrseite der Gasabhängigkeit erst vor Kurzem teuer bezahlt hat. Als nach dem russischen Angriff auf die Ukraine die direkten Gasimporte nach Deutschland versiegten und die Preise durch die Decke schossen, traf das BASF mit voller Wucht. Für 2022 beziffert der Konzern die zusätzlichen Energiekosten auf rund 2,2 Milliarden Euro. Damals zeigte sich, wie gnadenlos ein Geschäftsmodell ins Wanken geraten kann, wenn eine zentrale Energieleitung politisch zugedreht wird.
Die Antwort der Ludwigshafener: Umbau der Gasstrategie in Europa. Ein langfristiger Vertrag mit Equinor sichert seit diesem Jahr bis zu 23 Terawattstunden norwegisches Erdgas jährlich für zehn Jahre. Dazu kommt ein Deal mit dem US-Unternehmen Cheniere: Ab Mitte 2026 bis 2043 sollen bis zu 12 Terawattstunden Flüssiggas pro Jahr fließen. Konzernchef Markus Kamieth verkauft das als Fundament für Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz in Europa. Übersetzt heißt das: Die Gasversorgung soll diesmal nicht mehr auf Kante genäht sein.
Wette auf China – mit politischem Beifang
Damit bleibt der heikle Punkt klar umrissen: Wer in China groß investiert, bekommt die russische Gasnote als Beifang mitgeliefert, ob er will oder nicht. Washington nutzt genau das, um Deutschland in der Sicherheitspolitik unter Druck zu setzen. BASF setzt dagegen auf die Wette, dass das Wachstum in Asien, erneuerbare Energie vor Ort und eine breiter aufgestellte Gasversorgung in Europa das Risiko abfedern.
Entscheidend wird, wie sich die globalen Lieferströme nach 2027 sortieren – und ob aus dem politischen Störfeuer ein echtes Standortrisiko wird. Dann zeigt sich, ob BASF in Zhanjiang auf solidem Fundament baut oder ob der Konzern sich ein zweites Mal an der Gasfrage verhebt.

