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1. Dezember 2025

Anleihen als Sicherheitsgurt? Warum der klassische Schutz im Crash immer öfter versagt

FOREX

Viele Depots laufen noch im Autopilot-Modus – nur hat sich die Flugroute an den Märkten längst geändert. Zinsen rauf, Zinsen runter, Inflationssorgen dazwischen: Wer jetzt noch mit der klassischen Mischung aus Aktien und Anleihen unterwegs ist, darf sich über mickrigere Renditen in den nächsten zehn Jahren nicht wundern.

Ein kurzer Blick zurück zeigt, warum das Thema so brisant ist. Das simple Standard-Depot aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen hat im vergangenen Jahrzehnt ordentlich geliefert: Im Schnitt rund sieben Prozent Rendite pro Jahr, vor Inflation. Die Logik dahinter war bequem: Aktien bringen Schwung, Anleihen beruhigen die Nerven. Wenn das eine fällt, hilft das andere – so die Theorie.

Das 60/40-Depot verliert seinen Glanz

Genau diese Rechnung geht künftig nicht mehr so locker auf. Globale Aktien haben in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt etwa zehn Prozent pro Jahr zugelegt. Große Adressen wie Vanguard und JP Morgan trauen ihnen für die kommende Dekade nur noch fünf bis sechs Prozent zu. Parallel dazu werfen zehnjährige Bundesanleihen derzeit rund 2,7 Prozent ab, US-Treasuries etwa vier Prozent. Grob gemischt ergibt das für ein 60/40-Portfolio nur noch um die 4,6 Prozent im Jahr – nominal, also bevor die Inflation zuschlägt.

Und die Teuerung verschwindet nicht einfach, nur weil sich Anleger das wünschen. Weniger Arbeitskräfte durch den demografischen Wandel, teurere Produktion durch Rückverlagerung in sichere Länder, anhaltende Handelskonflikte, dazu höhere Staatsausgaben für Verteidigung und Energiewende – all das treibt Preise nach oben. Wer da auf zweiprozentige Wohlfühlinflation hofft, spielt eher Wunschkonzert als Realität.

Zentralbanken im Klammergriff, Anleihen entzaubert

Eigentlich müssten Notenbanken bei mehr Inflation mit höheren Zinsen gegenhalten. Doch je größer die Staatsschulden, desto ungemütlicher wird dieser Schritt. Es ist keine ausgemachte Sache, dass steigende Inflationsraten automatisch zu deutlich höheren Leitzinsen führen. Niedrige Zinsen machen hohe Schulden leichter verdaulich – der politische Druck ist entsprechend hoch.

Parallel bröckelt der alte Schutzschirm im Depot: Anleihen schwanken längst nicht mehr so gegenläufig zu Aktien wie früher. Die jahrzehntelang verlässliche Negativkorrelation zwischen Aktien und Anleihen ist seit 2022 deutlich schwächer geworden. Übersetzt: In schwachen Börsenphasen fallen Anleihen inzwischen zu oft mit – aus dem Sicherheitsgurt wird dann schnell nur noch ein dünnes Polster.

Mehr Aktien, weniger falsche Sicherheit

Konsequenz: Die Anleihequote gehört runter, wenn der Anlagehorizont lang genug ist. Rechnet man mit den genannten Annahmen, hebt ein Depot mit 70 Prozent Aktien und 30 Prozent Anleihen die erwartete Rendite von 4,6 auf etwa 4,9 Prozent pro Jahr. Bei 80 Prozent Aktien und 20 Prozent Anleihen sind es knapp 5,1 Prozent. Für Anleger mit mindestens zehn Jahren Anlagedauer ist eine Aktienquote von 70 bis 80 Prozent plausibel.

Die Vorgabe ist dabei klar: globale Qualitätstitel statt Zockerei in Einzelnischen, idealerweise über breit gestreute ETFs. Dazu feste Regeln, wann nachgekauft oder Risiko reduziert wird, statt Bauchgefühl im Crash. Anleihen mit kurzen Laufzeiten dienen vor allem als Reserve, um in schwächeren Phasen Aktien nachzukaufen – nicht mehr als vermeintlich unerschütterlicher Schutzwall.

Viel Marketing, wenig Mehrwert – und ein klarer Kandidat: Rohstoffe

Was man aus der Produktwelt der großen Investmenthäuser derzeit oft hört: Ohne Private Credit, Private Equity oder Hedgefonds-Strategien im Fondsmantel gehe gar nichts mehr. Diese illiquiden Bausteine werden gern als Rendite-Booster mit Beruhigungstablette verkauft. Unabhängige Vermögensverwalter sehen das deutlich nüchterner. Viele dieser Produkte schwanken stärker als versprochen, liefern unterm Strich keine überragende risikoadjustierte Rendite und sperren Kapital für Jahre weg. Für ein stabiles Grundgerüst im Depot sind sie schlicht nicht nötig.

Anders bei Rohstoffen. Steigt die Inflation wieder stärker an und zwingt die Notenbanken zu höheren Zinsen, können Rohstoffe als Gegengewicht helfen. Energierohstoffe bieten sich an, weil sie direkt in den Warenkorb eingehen, mit dem die Inflation gemessen wird. Anleger können das Thema einfach über börsengehandelte Zertifikate auf Rohstoffkörbe spielen.

Gold bleibt die klassische Inflationsversicherung. In den vergangenen zwei Jahren hat das Edelmetall zusätzlich ordentlich Rendite abgeliefert. Es gibt gute Gründe, dass die Rally mit Rücksetzern noch nicht am Ende ist. Aber Gold hat eine zweite Seite: Phasen, in denen der Preis jahrelang seitwärts oder abwärts läuft. Eine überzogene Goldquote macht das Depot schnell träge.

Unterm Strich lässt sich das Depot für die nächste Dekade klar zeichnen: 70 Prozent globale Aktien über breite ETFs, 15 Prozent kurzlaufende Anleihen aus der Euro-Zone und den USA oder nur Euro-Papiere für Währungssensible, zehn Prozent Rohstoffe über einfache Rohstoff-ETCs und fünf Prozent Gold. Entscheidend wird nicht die nächste Schlagzeile der Fed, sondern ob Anleger den höheren Aktienanteil nervlich aushalten und ihr Regelwerk im Ernstfall nicht über Bord werfen.