Ausgerechnet im wichtigsten Online-Monat des Jahres dreht Amazon an der Gebührenschraube – und zwar nach unten. Für Händler ist das mehr als eine nette Geste: Der Konzern zeigt damit, wie sehr ihn die Billigkonkurrenz aus China inzwischen nervt. Temu, Shein und Tiktok Shop sind nicht mehr bloß exotische Nebenfiguren, sondern echte Gefahr für Amazons Marktplatz-Geschäft.
In einem Schreiben an die Händler, das dem Handelsblatt vorliegt, kündigt Amazon für den 15. Dezember die erste Runde Gebührensenkungen an, eine zweite folgt im Februar. Offiziell heißt es: gesunkene Kosten, neue globale Struktur, alles ganz systematisch. In der Praxis ist das eine klassische Verteidigungsaktion. Denn Temu wirbt Händler mit extrem niedrigen Gebühren an – und versucht mit dem Label „Lokal“ den China-Ruf loszuwerden: Waren, die aus europäischen Lagern kommen, klingen für viele Kunden schlicht vertrauenswürdiger. Amazon-Manager Dharmesh Mehta formuliert die Botschaft höflicher. Man wolle sicherstellen, „dass der Verkauf im Amazon-Store weiterhin der beste Weg für diese Unternehmen ist, um zu florieren“. Übersetzt: Bleibt bloß hier, Jungs, geht nicht zu Temu.
China-Plattformen machen ernst
Marktplatzexperte Mark Steier nennt die Gebührensenkung „völlig überraschend“ – sowohl vom Timing mitten im Weihnachtsgeschäft als auch von der Wucht her. Wer die Szene kennt, erkennt das Muster: Neue Plattformen legen bei den Gebühren die Latte extrem niedrig, die Platzhirsche müssen nachziehen, wenn sie ihre Händler nicht verlieren wollen. Temu, Shein und Tiktok Shop bauen ihre Präsenz in Deutschland aggressiv aus, und viele Händler testen längst parallel mehrere Plattformen. Treue aus Prinzip gibt es in diesem Geschäft kaum.
Umso heikler ist der Schritt für Amazon, weil die Dritthändler zum Kern des Geschäfts geworden sind. Nach eigenen Angaben stehen sie für rund 60 Prozent des Umsatzes auf der Plattform. Schätzungen zufolge entspricht das weltweit einem Bruttowarenvolumen von etwa 270 Milliarden Dollar, in Deutschland sind es mehr als 30 Milliarden Euro. Offizielle GMV-Zahlen nennt Amazon zwar nicht, aber klar ist: Wer an den Provisionen dreht, fasst direkt das eigene Geschäftsmodell an. Das macht man nicht aus Jux, sondern weil der Druck spürbar ist.
Gebühren runter dort, wo Temu stark ist
Interessant ist, wo Amazon die Gebührensenkung ansetzt. Zum 15. Dezember werden die Verkaufsprovisionen für Bekleidung und Accessoires im unteren Preissegment reduziert – genau dort, wo Temu und Shein den Markt mit Billigangeboten fluten. Artikel unter 15 Euro werden statt mit acht künftig mit fünf Prozent Verkaufsgebühr belastet. Produkte zwischen 15 und 20 Euro fallen von 15 auf zehn Prozent. Parallel werden die Logistikkosten für den Service „Fulfillment by Amazon“ (Amazon-Lager, Amazon-Versand) gesenkt, den ein Großteil der Händler nutzt, weil er sie in Prime-Sichtbarkeit und schnelle Lieferung bringt.
Im Februar folgt Runde zwei. Dann sinken die Provisionen für Haushaltswaren unter 20 Euro von 15 auf acht Prozent. Ähnliche Nachlässe gibt es für Tierzubehör, Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel. Das sind Kategorien, in denen über jeden Eurocent diskutiert wird – und in denen chinesische Anbieter mit aggressiven Preisen unterwegs sind. Für Händler bedeutet das: mehr Luft, um Preise zu senken oder zumindest stabil zu halten, ohne dass sofort die Marge implodiert. Ob dieser zusätzliche Spielraum beim Kunden ankommt oder erst einmal die eigenen Löcher in der Kalkulation stopft, wird jeder Händler für sich entscheiden.
Flaue Nachfrage, voller Wettbewerb
Blöd nur: Gerade jetzt schwächelt die Nachfrage im Onlinehandel. Der Bundesverband Paket- und Expresslogistik erwartet für November und Dezember bei den Sendungsmengen gerade einmal ein Plus von ein bis zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr. In diesen Zahlen stecken aber auch die massenhaft importierten Pakete aus China. Für viele deutsche und europäische Händler heißt das de facto: weniger Geschäft, obwohl mehr Kartons durch die Sortieranlagen laufen. E-Commerce-Experte Steier spricht von einem Rückgang, den viele noch gar nicht vollständig in ihren Erwartungen eingepreist haben.
Der Handelsverband HDE rechnet sogar damit, dass die Umsätze rund um Black Friday und Cyber Monday erstmals um zwei Prozent sinken – und zwar im Vergleich zum ohnehin schwächelnden Vorjahr. In dieses Umfeld hinein legt Amazon nun Gebührenrabatte auf den Tisch. Für den Konzern ist das verkraftbar, für manch kleineren Händler kann es den Unterschied zwischen einem noch erträglichen und einem schmerzhaften Jahresabschluss ausmachen.
Klar ist: Der Kampf um die Händler wird härter, und Amazon signalisiert, wie wichtig ihm diese Partner inzwischen sind. Temu und die anderen Billigplattformen bringen eine neue Preislogik ins Spiel, bei der viele Händler nur mithalten können, wenn sie weniger an die Plattform abgeben. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Gebührensenkung reicht, um die Abwanderung zu bremsen – oder ob Amazon bald noch tiefer in die eigene Gebührentabelle greifen muss.

