200 Milliarden Dollar Capex – diese Ansage hat gesessen. Amazon will 2026 so viel Geld in Infrastruktur pumpen, dass selbst hartgesottene Tech-Anleger kurz die Luft angehalten haben. Prompt ging die Aktie im nachbörslichen Handel zeitweise um rund elf Prozent in die Knie.
Der Konzern kündigte am Donnerstag an, die Investitionen (Capex – also das Geld für neue Anlagen und Technik) würden 2026 voraussichtlich um 50 Prozent auf 200 Milliarden Dollar steigen. Geplant sind neue Rechenzentren, außerdem Geld für die Entwicklung von Chips und Kommunikationssatelliten. Analysten hatten lediglich mit knapp 145 Milliarden Dollar gerechnet – der Sprung ist also nicht „ein bisschen mehr“, sondern eine klare Kampfansage.
AWS soll den Turbo bekommen
Das meiste Geld landet bei Amazon Web Services (AWS). AWS ist der weltgrößte Cloudanbieter und bedient Kunden wie BMW, Snap oder Netflix. Die Sparte bringt zwar nur etwa 15 bis 20 Prozent des Konzernumsatzes, liefert aber 60 Prozent des Betriebsgewinns. Genau dort will Amazon die Schlagkraft ausbauen – und zwar mit voller Wucht.
Nur: Diese KI-Offensive zieht die Proportionen auseinander. Die hohen Investitionen werden den jüngsten Jahresumsatz von AWS nun um 55 Prozent übersteigen. Gleichzeitig wachsen Amazons Schulden und andere Verbindlichkeiten auf mehr als 150 Milliarden Dollar. Das ist mehr als eine Randnotiz – wer so klotzt, muss den Ertrag später auch liefern.
CEO Andy Jassy lässt sich davon nicht beirren. Er sprach in der Telefonkonferenz von einer „außergewöhnlich seltenen Gelegenheit“, die Größe von AWS und Amazon insgesamt nachhaltig zu verändern. Übersetzt heißt das: Jetzt wird gebaut, nicht diskutiert – und wer später vorne sein will, darf heute nicht knausern.
Chips, KI und Satelliten – alles auf einmal
Für den Einsatz in den Rechenzentren entwickelt AWS eigene Spezialprozessoren für Künstliche Intelligenz. Im vierten Quartal gingen laut Konzern Rechner mit insgesamt einer halben Million Trainium2-Chips in Betrieb. Die Technik nutzt vor allem der KI-Entwickler Anthropic, ein OpenAI-Rivale, an dem Amazon beteiligt ist.
Parallel baut Amazon mit „Leo“ ein Netzwerk für Internetverbindungen über Satellit auf – als Konkurrenz zu Elon Musks Starlink. Wer sich fragt, warum das in einen Atemzug mit Rechenzentren fällt: Es geht um Infrastruktur, die Amazon unabhängiger macht und zusätzliche Geschäfte möglich macht. Teuer ist das trotzdem.
Auch die Konkurrenz dreht am Rad. Alphabet, Microsoft und Meta haben in den vergangenen Wochen jeweils eine deutliche Ausweitung ihrer ohnehin hohen Investitionen in KI-Infrastruktur angekündigt. Anleger haben das jedoch nur dann gefeiert, wenn Umsatz oder Gewinn im gleichen Takt mitziehen – und genau da beginnt bei Amazon das Problem.
Der Markt will Wachstum – und zwar mit Gewinn
Amazon legte zwar im abgelaufenen Quartal beim Umsatz überraschend deutlich zu: plus 14 Prozent auf 213,4 Milliarden Dollar. AWS wuchs um 24 Prozent – laut Jassy das stärkste Wachstum seit 13 Quartalen. Aber: Die Cloud-Sparten der Konkurrenten Alphabet und Microsoft kamen auf 48 beziehungsweise 39 Prozent Plus. Im direkten Vergleich wirkt Amazons Tempo damit weniger beeindruckend.
Dazu kommt der Ausblick, der den Kurs erst recht wackeln ließ. Für das laufende Vierteljahr prognostiziert Amazon ein Umsatzplus von elf bis 15 Prozent auf 173,5 bis 178,5 Milliarden Dollar. Der operative Gewinn soll zwischen 16,5 und 21,5 Milliarden Dollar liegen – Analysten hatten jedoch 22,04 Milliarden Dollar erwartet. Portfoliomanager Dave Wagner (Aptus) bringt die Enttäuschung auf den Punkt: Man habe auf fortgesetztes starkes Gewinnwachstum gesetzt – „aber das ist hier einfach nicht der Fall“. Entscheidend wird nun, ob Amazon die Investitionslawine in den nächsten Quartalen so in Umsatz und Marge übersetzt, dass der Markt wieder mitzieht.

