Amazon bekommt in Europa neuen Druck – und diesmal kommt der Angriff nicht mit großen Sprüchen, sondern mit Tempo, Lagern und einem klaren Ziel. JD.com hat am Montag seinen Online-Marktplatz Joybuy in Großbritannien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Luxemburg gestartet und macht damit ernst mit dem Ausbau seines Geschäfts außerhalb Chinas.
Der Schritt kommt nicht aus heiterem Himmel. JD.com will international wachsen, weil das Geschäft im Heimatmarkt schwieriger geworden ist: harter Konkurrenzkampf, schwächere Konsumlaune, enger werdende Margen. Europa wirkt da wie der nächste logische Schauplatz. Dass der Konzern es ernst meint, zeigte schon der im vergangenen Jahr vereinbarte Kauf von Ceconomy für 2,2 Milliarden Euro. Zu Ceconomy gehören MediaMarkt und Saturn – also Namen, die in Europa jeder kennt.
JD.com will nicht klein anfangen
Joybuy soll dabei nicht als kleiner Exot starten, sondern gleich wie ein vollwertiger Marktplatz auftreten. Verkauft werden Produkte aus Technik, Haushaltsgeräten, Beauty, Homeware und dem Lebensmittelbereich. Dazu kommen eigene Markenstores, unter anderem von L’Oréal, Braun, DeLonghi, Brita und Bodum. JD.com verspricht außerdem wettbewerbsfähige Preise. Übersetzt heißt das: Der Konzern will nicht lange um Sympathie werben, sondern sofort über Angebot und Preis Kunden abjagen.
Der eigentliche Hebel dürfte aber woanders liegen. JD.com setzt bei Joybuy vor allem auf schnelle Lieferung. In großen Städten sollen Bestellungen, die bis 11 Uhr eingehen, noch am selben Tag ankommen. Wer bis 23 Uhr bestellt, soll die Ware am nächsten Tag bekommen. Das ist kein kleines Detail, sondern der Kern der ganzen Offensive. Denn genau an dieser Stelle hat Amazon seine Kunden jahrelang an sich gebunden.
Angriff auf Amazons stärkste Waffe
Zum Start sollen mehr als 15 Millionen Haushalte in Europa und Großbritannien insgesamt mit Same-Day-Delivery erreicht werden. Geliefert wird kostenlos ab 29 Euro oder 29 Pfund. Zusätzlich bringt Joybuy mit „JoyPlus“ ein Abo an den Start, das unbegrenzte Gratislieferungen für zunächst 3,99 Euro oder 3,99 Pfund im Monat verspricht. Auch das ist ein ziemlich direkter Treffer in Richtung Amazon Prime.
Wie viel JD.com in das Projekt gesteckt hat, wollte Joybuy-UK-Chef Matthew Nobbs nicht sagen. Ganz billig dürfte der Vorstoß aber nicht gewesen sein. Hinter dem Start stehen laut Unternehmen 60 Lagerhäuser und Depots in Europa sowie ein eigener Last-Mile-Lieferdienst, also die Zustellung bis an die Haustür. Genau dort wird im Onlinehandel oft entschieden, ob ein Kunde wiederkommt oder genervt abspringt.
Europa ist für JD.com kein spontaner Einfall
Auffällig ist auch: JD.com hatte schon früher versucht, sich in Europa breiter aufzustellen. 2024 lotete der Konzern eine Übernahme des britischen Elektronikhändlers Currys aus, zog sich am Ende aber zurück. Auch Gespräche über einen Kauf von Argos von Sainsbury’s verliefen im Sand. Nun geht JD.com den Weg offenbar lieber selbst – kontrollierter, aber auch mit höherem operativen Aufwand.
Damit ist die Stoßrichtung klar. JD.com will sich in Europa nicht irgendwo an den Rand stellen, sondern direkt im Hauptfeld mitlaufen. Einerseits klingt das nach einer mutigen Wachstumswette. Andererseits wird sich erst noch zeigen müssen, ob schnelle Lieferung, bekannte Marken und aggressive Preise reichen, um Amazon in mehreren großen Märkten wirklich weh zu tun. Genau das ist jetzt die spannende Frage.

