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24. November 2025

Alzheimer-Desaster bei Novo Nordisk: Hat der Pharmastar seine Lottochance verspielt?

Novo Nordisk
Foto: depositphotos.com / JHVEPhoto

Ein eigentlich erfolgreiches Diabetes- und Abnehm-Mittel sollte für Novo Nordisk den nächsten Milliardenmarkt erschließen – doch der Plan geht krachend schief. In einer großen Studie hilft der Wirkstoff Alzheimer-Kranken nicht, die Börse straft den Konzern sofort ab.

Düsseldorf. Der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk hat in der Alzheimer-Forschung einen deutlichen Dämpfer kassiert. Der getestete Wirkstoff Semaglutid – bekannt als Basis der Abnehmspritze Wegovy – hat in zwei entscheidenden Phase-3-Studien sein Hauptziel verfehlt. Getestet wurde eine ältere, als Tablette verabreichte Variante. Diese Pille konnte das Fortschreiten des geistigen Abbaus bei Alzheimer-Patienten nicht bremsen, wie der Konzern am Montag mitteilte. Phase-3-Studien sind dabei die letzte große Bewährungsprobe vor einer möglichen Zulassung – hier entscheidet sich normalerweise, ob ein Medikament wirklich in der Praxis taugt.

„Trotz der geringen Erfolgsaussichten sahen wir uns aufgrund des erheblichen ungedeckten Bedarfs bei der Alzheimer-Krankheit in der Verantwortung, das Potenzial von Semaglutid zu erforschen“, sagte Forschungschef Martin Holst Lange. Übersetzt: Man wusste, dass es ein riskanter Versuch ist – aber weil es bislang kaum brauchbare Therapien gibt, wollte Novo Nordisk es trotzdem wissen.

An der Börse setzte es sofort die Quittung. Die Aktie von Novo Nordisk rauschte nach der Meldung zeitweise um bis zu zehn Prozent nach unten. Profiteur der Enttäuschung war ausgerechnet die Konkurrenz: Papiere des US-Konzerns Biogen legten im vorbörslichen US-Handel um gut fünf Prozent zu. Der Hintergrund: In den USA sind derzeit nur zwei Alzheimer-Mittel zugelassen – Leqembi von Biogen und Eisai sowie Kisunla vom US-Rivalen Eli Lilly. Jeder gescheiterte Kandidat eines anderen Herstellers stärkt vorerst ihre Position im Markt.

Novo Nordisk steckt tiefer in der Krise

Ganz nutzlos war der Versuch mit Semaglutid nicht – aber eben auch weit weg vom erhofften Durchbruch. Laut Novo Nordisk sorgte die Behandlung in beiden Studien für eine Verbesserung bestimmter Biomarker, also messbarer Laborwerte, die mit Alzheimer in Verbindung stehen. Nur bringt es Patienten wenig, wenn die Werte auf dem Papier besser aussehen, der Krankheitsverlauf aber nicht langsamer wird – genau das war das Problem. Gleichzeitig betont der Konzern, dass die umfangreichen Daten zu Semaglutid weiterhin den Nutzen bei Typ-2-Diabetes, Fettleibigkeit (Adipositas) und damit verbundenen Begleiterkrankungen klar belegen. Dort ist der Wirkstoff längst ein Verkaufsschlager.

Brisant sind die Ergebnisse deshalb, weil Alzheimer nach den Erfolgen in den Bereichen Diabetes und Abnehmen der nächste lukrative Markt für sogenannte GLP-1-Medikamente werden sollte. Diese Wirkstoffklasse ahmt ein Darmhormon nach, das unter anderem den Blutzucker und das Hungergefühl steuert. Getestet wurde in der Studie Rybelsus, eine Semaglutid-Pille, die aktuell nur zur Behandlung von Typ-2-Diabetes zugelassen ist. Dass Novo Nordisk den Wirkstoff überhaupt in Richtung Alzheimer schob, beruhte auf älteren Studien, Tierversuchen (präklinischen Modellen) und nachträglichen Auswertungen aus Diabetes- und Adipositas-Studien – Hinweise, aber eben keine Beweise.

Für Novo Nordisk ist das Scheitern ein weiterer Schlag in einer ohnehin schwierigen Phase. Nach dem Höhenflug mit Wegovy waren Umsatz, Gewinn und Aktienkurs jahrelang nach oben geschossen. Inzwischen aber drücken nachlassendes Wachstum, Kursverluste, ein Chefwechsel und Massenentlassungen auf die Stimmung. Die neue Niederlage in einem Zukunftsfeld wie Alzheimer passt genau in dieses Bild der Verunsicherung.

Skepsis der Analysten bestätigt

Der missglückte Alzheimer-Versuch bestätigt zudem die Skepsis vieler Analysten. Die Schweizer Großbank UBS hatte die Chance auf einen Erfolg schon im Vorfeld auf lediglich rund zehn Prozent taxiert – also eher die Kategorie „Glückslos“ statt sicherer Wette. Ein Manager von Novo Nordisk hatte die Studien im September selbst als „Lotterielos“ bezeichnet: hoher möglicher Gewinn, aber geringe Trefferchance.

Die Dimension des Problems Alzheimer bleibt trotzdem gewaltig: Weltweit sind mehr als 55 Millionen Menschen von Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen betroffen. Eine Heilung gibt es bislang nicht, die vorhandenen Medikamente können den Verlauf höchstens etwas verlangsamen oder Symptome dämpfen. Auch deshalb wäre ein wirksames, zusätzlich oral verfügbares Mittel für die Branche und die Patienten ein großer Wurf gewesen – doch Novo Nordisk muss diesen Traum vorerst abhaken.

Mehr dazu: Während Novo Nordisk mit Semaglutid bei Alzheimer scheitert, vermeldet Bayer bei einem anderen Medikament einen Studienerfolg – die Aktie klettert daraufhin an die Spitze des Dax.