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28. November 2025

Alphabet: Vom KI-Verlierer zur heißesten Wette der Wall Street

Google
Foto: depositphotos.com / taldav68

80 Prozent Plus in einem halben Jahr – Alphabet hat an der Börse gerade den Turbo gezündet. Rund 3,8 Billionen Dollar Börsenwert, die Vier-Billionen-Marke in Sichtweite – und plötzlich ist ausgerechnet die lange angezählte Google-Mutter die „heißeste KI-Wette“ im Markt. Das ist kein kleines Stimmungsrauschen, sondern ein echter Kurswechsel.

Vom Problemfall zur KI-Prämie

Noch vor kurzer Zeit sah das Bild völlig anders aus. KI-Chatbots sollten die klassische Google-Suche angeblich aufs Abstellgleis schieben, das Geschäftsmodell wirkte für viele wie ein Auslaufmodell. Alphabet wurde im KI-Rennen eher hinten einsortiert. Heute darf man festhalten: Diese Skepsis war deutlich überzogen.

Denn der Markt hat dazugelernt. Ein simples „Wir machen jetzt auch KI“ reicht nicht mehr, um die Kurse dauerhaft nach oben zu prügeln. Paradebeispiel: Oracle. Die Ankündigung einer KI-Offensive in Milliardenhöhe sorgte zunächst für einen Satz nach oben. Dann kamen die unbequemen Fragen: Rechnet sich das? Ist das finanzierbar? Die Antwort der Anleger: eher nein. Inzwischen steht die Aktie wieder unter dem Niveau vor dem Hype – KI-Siegel hin oder her.

Alphabet zahlt mit echtem Geld ein

Bei Alphabet sieht das deutlich robuster aus. Der Konzern schiebt in diesem Jahr bis zu 93 Milliarden Dollar in Rechenzentren, KI-Modelle und Infrastruktur. Normalerweise würden solche Summen jede Bilanz ächzen lassen. Hier ist es anders: Die Erlöse ziehen so kräftig an, dass trotz dieser Rekordinvestitionen am Ende mehr freier Mittelzufluss übrig bleibt als im Vorjahr. Sprich: Alphabet gibt nicht nur Geld aus, der Laden verdient gleichzeitig immer mehr.

Wohin fließt das Kapital? In Felder, die sich klar benennen lassen: die Cloudsparte, den KI-Assistenten Gemini, das Robotaxi-Projekt Waymo. Und natürlich in die Weiterentwicklung der Google-Suche, die künstliche Intelligenz eher aufrüsten als überflüssig machen soll. Das ist ein Unterschied zu mancher Powerpoint-Folie, in der „AI“ nur als Deko-Begriff durchrutscht.

Vom Chip bis zur Anwendung: Alphabet macht fast alles selbst

Der zweite Punkt, der Alphabet derzeit nach vorn schiebt: Der Konzern ist nicht nur Nutzer von KI, sondern Ausrüster in eigener Sache. Eigene Modelle, eigene Rechenzentren – und mit den Tensor Processing Units, kurz TPUs, auch eigene Spezialchips, auf denen die Rechenarbeit läuft. Wertschöpfungskette klingt sperrig, heißt hier aber schlicht: vom Chip bis zur Anwendung liegt vieles im eigenen Haus.

Lange wurden diese TPUs fast ausschließlich intern genutzt. Inzwischen öffnet Google seine Tensor-Reihe mehr und mehr für externe Kunden. Berichte über einen möglichen Deal mit Meta, das diese Chips in seinen Rechenzentren einsetzen könnte, wirken wie Benzin im Kursmotor. Die Botschaft: Alphabet tritt Nvidia nicht nur als Großkunde gegenüber, sondern will mit eigenen Prozessoren im gleichen Regal mitspielen.

Damit rückt ein anderer Typ Gewinner in den Fokus. Bisher verdienten vor allem die „Schaufelverkäufer“ – also Chip-Lieferanten wie Nvidia – am KI-Boom. Alphabet versucht, das Gesamtpaket zu sein: Schaufelblätter gießen, Stiele bauen, alles montieren und am Ende selbst graben. Viele Konzerne, die das in dieser Breite und Qualität anbieten können, gibt es nicht. Diese Knappheit macht die Story für viele Anleger so reizvoll.

Der Konzern, den viele zu früh abgeschrieben haben

Trotzdem bleibt die Frage: Wie realistisch war es überhaupt, dass Alphabet von der KI-Welle überrollt wird? Der Konzern lebt seit Jahrzehnten im Netz, hat seine Standbeine von der Werbung über Cloud-Dienste bis hin zu Zukunftswetten wie Waymo systematisch ausgebaut. Nicht jedes Projekt trifft ins Schwarze – Experimente wie Google Fiber oder der Biotech-Ableger Calico zeigen das deutlich. Aber das Gesamtbild ist klar: Alphabet ist längst kein reiner Suchmaschinenbetreiber mehr, sondern ein Tech-Konglomerat mit mehreren dicken Ertragsquellen.

Die aktuelle Rally wirkt deshalb wie ein spätes Eingeständnis: Der Markt hatte den Laden kleiner gemacht, als er ist. In Zahlen bedeutet das: Alphabet wird derzeit ungefähr mit dem 31-Fachen des erwarteten Gewinns bewertet. Billig ist das nicht, absurd teuer aber auch nicht – zumindest für einen Konzern, der an mehreren Schaltstellen des KI-Zeitalters sitzt und genug Cash hat, um diese Position auszubauen.

Bleibt die Kehrseite. Nach einer derart steilen Bewegung sind Rückschläge fast vorprogrammiert. Enttäuschende Quartalszahlen, gedämpfte Wachstumsfantasie, ein abflauender KI-Hype – und der Kurs nimmt schneller Luft raus, als man „Gemini“ sagen kann. Interessant wird deshalb weniger die nächste Schlagzeile, sondern die Frage: Liefert Alphabet in Cloud, Chips und Anwendungen genug nach, um dieser Bewertung gerecht zu werden? Hält der Konzern das Tempo, könnte er ein weiteres Mal in seinen Kurs hineinwachsen – und aus dem aktuellen Höhenflug würde mehr als nur ein kurzer Rausch.