Wenn ein US-Techchef in Deutschland Kunden gewinnen will, macht er normalerweise auf nett. Alex Karp macht auf Krawall. Im Handelsblatt-Interview teilt der Palantir-Chef gegen Deutschland aus, als hätte ihn jemand persönlich beleidigt – und sagt gleichzeitig: Wirtschaftlich braucht man euch eigentlich gar nicht.
Karp ist 58, hat Philosophie studiert, in Frankfurt promoviert und nennt sich selbst „halb deutsch“. Er weiß also ziemlich genau, welche Knöpfe er hier drückt. Und er drückt sie mit Ansage. „Für die meisten bin ich eine Mischung aus Darth Vader und dem Lord der Sith“, sagt er. Klingt nach Selbstironie, ist aber eher Strategie: Erst den Bösewicht geben, dann die Moralkeule auspacken. Seine Kernfrage lautet nicht „Wie beruhigen wir Datenschützer?“, sondern: Wie kann Deutschland es sich leisten, Palantir so zu behandeln?
Deutschland als Bremsklotz – und als Herzenssache
Karp zieht Deutschland erst runter und schiebt dann das große Pathos nach. Sein Urteil über die Szene ist brutal: „Die deutsche Tech-Szene zählt zu den schlechtesten der Welt.“ Deutschland spiele nicht die Rolle, die es „verdient“ habe, sagt er – kulturell groß, technologisch abgehängt. Das ist mehr als ein Seitenhieb. Das ist ein Frontalangriff auf den Selbstanspruch eines Landes, das sich gern als Ingenieursnation sieht.
Noch härter wird’s, wenn er über Geld spricht. Das Regierungsgeschäft in Deutschland sei für Palantir so klein, dass es „bedeutungslos“ sei. Und jeder „Pfennig“, den man hier ausgebe, „verlangsamt das Wachstum des Gesamtgeschäfts“. In den USA wachse Palantir stark, Karp nennt dafür konkrete Prozentwerte aus dem dritten Quartal. Übersetzt: Wenn Deutschland nicht will, dann halt nicht – Palantir findet auch anderswo Kunden.
Und trotzdem: Karp hängt emotional am Land. Er redet über Wurzeln, Kultur, „Fleiß“, Organisationskraft, Aufklärung. Er sagt sogar, er wolle nicht in einer Welt leben, in der Deutschland schwach und politisch unwichtig ist. Das ist dieser seltsame Mix aus Abrechnung und Liebeserklärung: Einerseits ist Deutschland für Palantir eher Nebenschauplatz. Andererseits macht Karp daraus ein Drama mit historischer Fallhöhe.
Sicherheitsversprechen, das man nicht nachprüfen kann
Karp versucht, die Palantir-Debatte konsequent von „Überwachung“ auf „Sicherheit“ zu drehen. Ohne Technologie gebe es keine Sicherheit, ohne Sicherheit keine Demokratie, lautet sein Mantra. Palantir sei für westliche Staaten zentral – in der Ukraine sogar „Rückgrat“ der Verteidigung. Und er setzt noch einen drauf: Palantir habe mehrere große Terroranschläge verhindert, in der Größenordnung von 9/11.
Nur: Details liefert er nicht. Er sagt, darüber könne aus guten Gründen nicht berichtet werden. Genau hier wird’s heikel. Karp verlangt Anerkennung für Leistungen, die öffentlich nicht belegbar sind – und ärgert sich dann, dass in Deutschland vor allem über Risiken geredet wird.
Beim Produkt lässt er keinerlei Zweifel zu. Sein Angebot bestehe aus drei Teilen: Ontology (vereinfacht: ein Datenmodell, das Prozesse und Dinge als „digitalen Zwilling“ abbildet), Foundry (die Plattform, mit der Organisationen Entscheidungen aus Daten ableiten) und ein Team für „Privacy und Civil Liberties“, das Missbrauch verhindern soll. Karp behauptet, er kenne keinen Konkurrenten mit ähnlicher Qualität. Palantir verkaufe kein Stück Software, sondern ein Ergebnis – und lasse sich genau dafür bezahlen.
Migration: Karp dreht das Thema immer wieder dahin
Am meisten knallt es, wenn Karp über Migration spricht. Er nennt offene Grenzen den „größten Menschenrechtsbruch“ und fordert einen knallharten Kurs: „Grenzen zu.“ Menschen ohne Pass, die auch nur entfernt mit Kriminalität zu tun hätten, solle man ein Flugticket geben – vier Wochen Frist, danach werde es „nicht nett“. Das ist kein Nebensatz, das ist sein politischer Fixpunkt.
Dabei betont er zwar, er kenne sich in deutscher Politik nicht gut genug aus. Aber er verteilt trotzdem Ratschläge mit dem Holzhammer. Er verbindet Migration mit Kriminalität, Terrorgefahr und Antisemitismus, behauptet, die „Hauptgefahr“ für Juden komme aus „uneingeschränkter Einwanderung“, während der Antisemitismus in der deutschen Elite „gleich null“ sei. Das ist maximal zugespitzt und in Deutschland hochtoxisch – genau so wirkt es auch im Interview.
Seine eigene politische Reise beschreibt Karp als Marsch nach rechts bis zur CSU, inklusive Strauß-Zitat („Rechts von uns darf es keine andere demokratische Partei geben“). Zur Frage, ob er mit einem AfD-Innenminister zusammenarbeiten würde, weicht er aus und argumentiert grundsätzlicher: Entscheidend sei, was ein Politiker konkret tue und unter welchen Bedingungen.
In den USA macht er es deutlicher. Er wähle den Kandidaten, „der die Grenzen schließt“. Trump nennt er einen „genialen Politiker“, von dem man lernen solle – sagt aber zugleich, auf Deutsch darüber zu reden sei „maximal verkehrt“. Auch das passt ins Bild: große Sätze, harte Linien, und wenn es brenzlig wird, ein Schritt zurück.
Entscheidend ist jetzt, was nach diesem Interview hängen bleibt: Wird Karp in Deutschland als der Mann wahrgenommen, der unbequeme Wahrheiten ausspricht – oder als der CEO, der ein Land abkanzelt und trotzdem Dankbarkeit verlangt? Die nächste Debatte über Palantir bei Polizei, Bundeswehr oder Nato dürfte jedenfalls nicht leiser werden.

