Netflix gegen Paramount: Der Kampf um Warner Bros. wird zur Machtdemonstration von Trump und Milliardären.
Erst jubelt Netflix über einen Rekorddeal, dann platzt Paramount mit einem fetten Gegenangebot rein – und plötzlich mischt auch noch US-Präsident Donald Trump persönlich mit. Der geplante Kauf von Warner Bros. Discovery droht zum politischen und finanziellen Härtetest zu werden.
Netflix hatte am Freitag verkündet, den Film- und TV-Konzern Warner Bros. Discovery schlucken zu wollen. Preis: 83 Milliarden Dollar. Der weltgrößte Streaminganbieter will sich damit eine der stärksten Content-Fabriken der Branche einverleiben. Vorstand und Aufsichtsrat auf beiden Seiten hatten dem Deal bereits zugestimmt – auf dem Papier war alles auf Kurs.
Jetzt ist der Deal selbst zum Hollywood-Drama geworden. Paramount hat am Montag ein feindliches Übernahmeangebot vorgelegt – also ein Angebot direkt an die Aktionäre vorbei an der Unternehmensführung. Geführt wird der Konzern von David Ellison, Sohn des Oracle-Milliardärs Larry Ellison. Paramount bietet den Warner-Eigentümern 30 Dollar je Aktie, insgesamt rund 108 Milliarden Dollar.
Damit ist klar: Diese Übernahme wird deutlich schmutziger und konfliktreicher als gedacht. Am Ende entscheiden nicht nur Kartellbehörden und Wettbewerbshüter – sondern auch Donald Trump im Weißen Haus. Dessen Nähe zur Familie Ellison dürfte Paramount zusätzlich Rückenwind geben.
Paramount greift das Warner-Board frontal an
Paramount, dessen Studio Kinohits wie Titanic, Transformers oder Interstellar produziert hat, geht direkt auf die Aktionäre zu – und legt wirtschaftlich klar mehr auf den Tisch. Während Netflix ein kompliziertes Konstrukt aus Bargeld, Aktien und einer unsicheren Spin-off-Beteiligung bietet, also einer abgespaltenen Beteiligung an einem Teilgeschäft, setzt Paramount auf die simple Botschaft: Cash jetzt.
Konkret: Paramount bietet 18 Milliarden Dollar mehr an sofort verfügbarem Bargeld als Netflix. Für Investoren, die sich nicht mit Kursschwankungen und Strukturtricks herumschlagen wollen, ist das ein starkes Argument.
David Ellison nennt den Netflix-Deal öffentlich ein „minderwertiges Angebot“. Aus seiner Sicht setzt Netflix die Aktionäre unnötig hohen regulatorischen Risiken aus – also dem Risiko, dass Behörden den Deal kassieren oder mit harten Auflagen versehen – und zusätzlich der Volatilität des Aktienmarktes.
In einem scharfen Schreiben an den Aufsichtsrat von Warner werfen die Anwälte von Paramount der Unternehmensführung vor, das Verfahren „kurzsichtig“ auf ein vorher feststehendes Ergebnis zugunsten von Netflix ausgerichtet zu haben. Der Vorwurf: Die Kontrolleure hätten ihre Treuepflicht gegenüber den Eigentümern verletzt, indem sie ein schlechteres und riskanteres Angebot akzeptierten – möglicherweise, um sich selbst Posten oder Vorteile im künftigen Netflix-Imperium zu sichern.
Sollten diese Vorwürfe hängen bleiben, droht eine Klagewelle: Aktionäre könnten argumentieren, dass sie um die höhere Barofferte von Paramount gebracht wurden.
Warner erklärte lediglich, man prüfe das Paramount-Angebot und werde den Aktionären innerhalb von zehn Arbeitstagen eine Empfehlung vorlegen. Eine Netflix-Sprecherin wollte sich nicht äußern.
Wall Street liebt Bargeld – und Ellison liefert
Um sein Angebot überhaupt stemmen zu können, hat David Ellison ein ungewöhnliches Finanzbündnis organisiert. Die Offerte wird im Kern gestützt von der Ellison-Familie selbst und einem Bankenkonsortium aus Bank of America, Citi und Apollo Global Management. Sie haben Kredite von 54 Milliarden Dollar zugesagt.
„Wir sitzen an der Wall Street, wo Bargeld immer noch König ist“, sagte Ellison im US-Fernsehen. Übersetzt: Er spielt bewusst die Karte des liquiden, schnell verfügbaren Geldes gegen die komplizierte Netflix-Struktur.
Politisch heikel ist allerdings, wer im Hintergrund noch mitfinanziert: Mehrere staatliche Investitionsfonds aus dem Nahen Osten sind beteiligt – darunter der saudische Public Investment Fund, die Qatar Investment Authority und L’imad Holding aus Abu Dhabi.
Um eine besonders harte Sicherheitsprüfung durch das US-Gremium Committee on Foreign Investment in the United States, kurz CFIUS, zu vermeiden – das prüft, ob ausländische Investoren ein Sicherheitsrisiko für die USA darstellen –, verzichten diese Fonds dem Vernehmen nach auf Stimmrechte. Sie liefern Geld, lassen aber offiziell die Finger von der Kontrolle.
Netflix beschwichtigt – die Politik tobt
Die Netflix-Co-Chefs Ted Sarandos und Greg Peters versuchten, auf einer Konferenz der Schweizer Bank UBS in New York Gelassenheit zu demonstrieren. Der Schritt von Ellison sei „völlig zu erwarten“ gewesen, sagte Sarandos. Man habe einen guten Vertrag unterschrieben und sei sehr zufrieden mit dem Deal. Die Transaktion sei großartig für Aktionäre und Kunden.
Fakt ist: Zusammen kämen Netflix und Warner Bros. auf rund 450 Millionen Abonnenten weltweit. Genau diese neue Marktmacht lässt die Politik nervös werden.
Die demokratische Senatorin Elizabeth Warren spricht von einem „Albtraum für den Wettbewerb“. Nach ihrer Lesart würde ein zusammengeschweißter Netflix-Warner-Konzern fast die Hälfte des Streamingmarkts dominieren. Das Ergebnis aus ihrer Sicht: höhere Abo-Preise, weniger Auswahl bei Inhalten und weniger Möglichkeiten, wie und wo Inhalte abgespielt werden können.
Solche Sorgen sind parteiübergreifend. Auch der republikanische Senator Roger Marshall hat sich an das US-Justizministerium und die Wettbewerbshüter der Federal Trade Commission gewandt. In einem Brief warnt er vor klaren Nachteilen für Verbraucher.
Laut Berichten haben zudem ranghohe Regierungsvertreter in Washington starke Skepsis geäußert.
Netflix hält dagegen. Das Unternehmen argumentiert seit Monaten, dass eine Konsolidierung, also das Zusammenlegen großer Anbieter, am Ende eher Preise senken könne, weil Kosten sinken und Angebote gebündelt werden. Co-Chef Peters sagte, er sei sehr zuversichtlich, dass die Regulierer den Deal genehmigen sollten und werden. Der Zusammenschluss sei verbraucherfreundlich.
Unterstützung bekommt Netflix von Analysten. Mike Proulx vom Marktforschungsunternehmen Forrester sagt, entgegen der üblichen Meinung sei es für Streamingkunden sogar von Vorteil, wenn der Deal durchgeht. Seine Logik: geringere Kosten, weniger Zersplitterung der Inhalte, einfacher Zugang.
Trump will mitentscheiden – und steht zwischen Sympathie und Skepsis
Am Ende könnte aber Donald Trump zum Zünglein an der Waage werden. Der US-Präsident hat bereits angekündigt, sich persönlich einzuschalten: „Ich werde ebenfalls an dieser Entscheidung beteiligt sein“, sagte der 79-Jährige.
Auch Trump sieht das Risiko, dass Netflix nach einer Übernahme von Warner Bros. zu mächtig werden könnte. Netflix habe schon heute einen sehr großen Marktanteil, sagte er – und mit Warner würde dieser Anteil deutlich steigen.
Gleichzeitig verteilt Trump Komplimente. Über Netflix-Chef Sarandos sagt er, dieser sei ein großartiger Mensch und habe eine der größten Leistungen in der Geschichte des Films vollbracht. Die beiden haben sich in der Woche zuvor bereits im Weißen Haus getroffen.
Ellison-Clan und Trump-Netzwerk: Der zweite Machtblock
Sarandos war aber offenbar nicht der einzige, der in Washington für seine Sache trommelte. Nach Informationen der Washington Post soll auch Paramount-Chef David Ellison Gespräche mit Trump-Vertretern und hochrangigen Kongressabgeordneten geführt haben.
Ellison ist Sohn von Larry Ellison, Mitgründer des Softwarekonzerns Oracle und ein langjähriger Vertrauter sowie Unterstützer Trumps. Larry Ellison wird etwa als möglicher Investor gehandelt, falls Trump das US-Geschäft der Social-Media-Plattform Tiktok abspalten will.
Dazu kommt: An der überraschenden Paramount-Offerte soll sich auch die Investmentfirma Affinity Partners beteiligen. Das ist ein externer Finanzierungspartner, geführt von Jared Kushner, dem Schwiegersohn des US-Präsidenten.
Damit steht Netflix nicht nur einem finanziell schwergewichtigen Konkurrenten gegenüber, sondern einem eng vernetzten politischen Netzwerk aus Trump-Umfeld und Ellison-Clan.
Ein entscheidender Unterschied: Was genau gekauft werden soll
Ein Punkt könnte im Weißen Haus besonders genau betrachtet werden: die Struktur der Angebote.
Paramount will den gesamten Warner-Bros.-Discovery-Konzern übernehmen – inklusive der TV-Sender.
Netflix hingegen will nur die Film- und TV-Studios sowie den Streamingdienst HBO Max kaufen.
Schon im Juni hatte Warner Bros. Discovery angekündigt, den Konzern aufzuteilen. Das Fernsehgeschäft soll unter dem Namen Discovery Global eigenständig weiterlaufen – an der Spitze steht der bisherige Finanzchef Gunnar Wiedenfels, ein deutscher Medienmanager. Zu diesem Paket gehört auch der Nachrichtensender CNN – ein Sender, den Trump immer wieder öffentlich angegriffen hat, weil er sich von der Berichterstattung unfair behandelt fühlt.
Für Kritiker wie Senatorin Warren liegt hier ein weiteres Problem: Unter Trump sei das Kartellprüfungsverfahren zu einer Brutstätte für politische Begünstigung und Korruption geworden, sagt sie. Sie traut dem Präsidenten nicht zu, Kartellrecht neutral anzuwenden, sondern befürchtet Deals nach politischer Freund-Feind-Linie.
Warren fordert daher, das Justizministerium müsse die Kartellgesetze transparent und nachvollziehbar durchsetzen – und dürfe das Verfahren nicht dafür benutzen, Einflussnahme oder Bestechung zu belohnen.
Trump weist diese Vorwürfe zurück. Er kenne beide Unternehmen sehr gut, sagt er, keiner der Beteiligten sei ein besonders guter Freund von ihm. Er wolle das Richtige tun.
Lange Prüfung – Netflix wirbt schon beim Kunden
Formal ist jetzt zunächst das US-Justizministerium am Zug. Dort werden große Medienfusionen wie diese standardmäßig unter die Lupe genommen. Solche Verfahren dauern in der Regel mehrere Monate.
Dazu kommen noch internationale Hürden: Gerade in Europa könnten Wettbewerbsbehörden Einwände haben, wenn ein einzelner Player zu mächtig wird.
Netflix selbst gibt sich trotzdem so, als sei der Deal schon fast eingetütet. In einer E-Mail an seine rund 300 Millionen Kunden hat der Konzern bereits mit den möglichen Vorteilen geworben. Darin stellt Netflix unter anderem in Aussicht, dass nach der Übernahme die Harry-Potter-Filmreihe und die US-Kultserie Friends ins eigene Angebot wandern würden.
Was als normaler Milliardendeal im Mediengeschäft gestartet ist, ist damit längst zur Schlacht um Geld, Macht und politischen Einfluss geworden – mit offenen Fronten zwischen Netflix, Paramount, Trump, seinen Vertrauten und einer wachsenden Zahl skeptischer Politiker.

