Wer bei Unicredit Aktionär ist, bekommt jetzt eine Ansage, die man nicht überhören kann: In den nächsten Jahren soll richtig viel Geld zurückfließen – und zwar nicht irgendwann, sondern planbar und mit Ansage von ganz oben.
Bis 2030 will die italienische Großbank rund 50 Milliarden Euro an ihre Investoren ausschütten, verkündete Vorstandschef Andrea Orcel bei der Vorlage der Quartalszahlen. Die Rechnung dahinter: Gewinne steigen, die Kapitaldecke bleibt dick genug – also kann man den Anteilseignern mehr vom Kuchen geben.
Wie das Geld zurückfließen soll
Konkret heißt das: 80 Prozent des Gewinns sollen künftig regulär an die Aktionäre gehen. „Regulär“ bedeutet hier: nicht als einmaliger Glückstreffer, sondern als Standard – über Bardividenden (Cash aufs Konto) und Aktienrückkäufe (die Bank kauft eigene Aktien zurück, wodurch weniger Stücke am Markt sind und die verbleibenden Anteile tendenziell mehr Gewicht bekommen). Obendrauf will Unicredit jedes Jahr prüfen, ob noch extra Kapital herumliegt, das man ebenfalls ausschütten kann.
Auch beim Wachstum setzt Orcel eine klare Marke: Die Erlöse sollen im Schnitt um fünf Prozent pro Jahr zulegen. Für das laufende Geschäftsjahr rechnet Unicredit mit einem Gewinn von rund 11 Milliarden Euro, 2028 sollen es etwa 13 Milliarden Euro sein. Das ist mehr als eine hübsche Zahlenspielerei – damit legt Orcel die Latte öffentlich dahin, wo Analysten und Investoren später gnadenlos nachmessen.
Der Umbau: weniger Zinsfantasie, mehr Gebühren
Der Umbau, der das möglich machen soll, läuft schon länger. Seit Orcel 2021 übernommen hat, wurde kräftig aufgeräumt: Stellen weg, wenig rentable Geschäfte raus, Kapital dorthin, wo die Rendite höher ist. Und weil das klassische Kreditgeschäft nicht ewig vom Zinsumfeld leben kann, setzt Unicredit stärker auf Gebühren – also Einnahmen aus Dingen wie Konten, Zahlungsverkehr, Vermögensverwaltung. Das sind Erträge, die nicht so stark davon abhängen, ob die Zinsen gerade Rückenwind geben oder Gegenwind.
Dazu passt auch der Plan, das Filialnetz effizienter zu nutzen. Übersetzt: weniger teure Strukturen, mehr Schlagkraft im Vertrieb – mit dem Ziel, Marktanteile einzusammeln, ohne sich dabei die Kostenbasis zu ruinieren.
Quartal mit Rückenwind – aber nicht ohne Haken
Die neuen Ziele kamen gemeinsam mit einem Quartal, das sich sehen lassen kann. Im vierten Quartal verdiente Unicredit 2,17 Milliarden Euro netto. Analysten hatten im Schnitt nur 1,96 Milliarden Euro auf dem Zettel. Der Abstand ist nicht riesig, aber in Bankbilanzen zählt genau so etwas: Erwartungen schlagen heißt Vertrauen gewinnen.
Allerdings war das kein Spaziergang ohne Nebenwirkungen. Steuerliche Vorteile und Sondereffekte halfen, Kosten zu überdecken – darunter Integrationskosten von mehr als einer Milliarde Euro und Ausgaben fürs Absichern des strategischen Portfolios. „Absichern“ klingt harmlos, ist aber im Kern eine Art Versicherung: Man bezahlt dafür, dass bestimmte Risiken nicht voll einschlagen. Das kann sinnvoll sein – kostet aber Geld, und zwar sofort.
Und es gab einen klaren Dämpfer: Das Handelsgeschäft der Bank rutschte im Quartal in die Verlustzone. Handel ist bei Unicredit zwar eher klein, aber wenn so ein Bereich kippt, zeigt das: Nicht jeder Ertragsmotor läuft immer rund.
Kapitaldecke stabil – und das ist der entscheidende Punkt
Trotzdem blieb die Kapitalausstattung stabil. Die harte Kernkapitalquote – das ist vereinfacht gesagt der härteste, wichtigste Eigenkapitalpuffer einer Bank – lag Ende Dezember bei 14,7 Prozent, nach 14,8 Prozent im Vorquartal. Also minimal runter, aber weit weg von Alarm. Und genau diese Stabilität ist Orcels Munition: Wer so dasteht, kann ausschütten – und kann auch über Zukäufe nachdenken.
Unter Orcel hat sich die Story ohnehin gedreht. Profitabilität und Aktionärsrenditen sind deutlich besser geworden, der Aktienkurs ist seit seinem Amtsantritt um mehr als das Siebenfache gestiegen. Das schafft Spielraum, aber es weckt auch Begehrlichkeiten: Wenn eine Bank so performt, fragt der Markt automatisch, ob da nicht der nächste Schritt kommt.
Übernahmen: politischer Widerstand bremst
Nur: Bei Übernahmen ist derzeit Sand im Getriebe. Orcels Vorstöße bei der italienischen Banco BPM und bei der deutschen Commerzbank kommen politisch nicht gut durch. Widerstand aus der Politik kann solche Pläne nicht nur verzögern – er kann sie auch faktisch abwürgen.
Commerzbank: der Preis ist davongelaufen
Gerade die Commerzbank ist zum Dauerthema geworden. Unicredit war im September 2024 mit neun Prozent eingestiegen und hat danach weiter aufgestockt. Inzwischen kontrolliert die Mailänder Bank 29 Prozent der Anteile, drei Prozent davon über Finanzinstrumente. Orcel würde die Commerzbank am liebsten komplett schlucken, betont aber, er habe keinen Zeitdruck. Er sagte zuletzt, möglicherweise könne sich zu einem späteren, nicht näher definierten Zeitpunkt die Option ergeben, die Beteiligung in eine kombinierte Struktur zu überführen.
Dass er auf Zeit spielt, hat einen ziemlich profanen Grund: Der Deal ist teurer geworden. Die Commerzbank-Aktie hat seit Anfang 2025 116 Prozent zugelegt und stand zuletzt bei 34,08 Euro. Ein Investor, der an beiden Banken beteiligt ist und anonym bleiben will, sagt deshalb: Für Unicredit-Aktionäre sei ein kompletter Kauf aktuell nicht attraktiv – er glaube nicht mehr an eine Übernahme.
Viele Analysten sehen ebenfalls nur noch eine geringe Wahrscheinlichkeit für den großen Zusammenschluss. Andererseits gilt Orcel nicht als jemand, der nach dem ersten Gegenwind abdreht. Viele rechnen damit, dass er eine Offerte in der Schublade hat – für den Moment, in dem sich die Kräfteverhältnisse wieder zu seinen Gunsten verschieben.
Der Hebel: bezahlt wird vermutlich mit eigenen Aktien
Ein Detail bleibt dabei entscheidend: Wie bezahlt würde so ein Deal? Weil Unicredit vermutlich zu einem großen Teil mit eigenen Aktien zahlen würde, hängt vieles am Verhältnis der Kurse. Unicredit-Papiere haben seit Anfang vergangenen Jahres 92 Prozent zugelegt. Insider weisen darauf hin, dass Orcel theoretisch ab Ende Februar ein Angebot vorlegen könnte, das ganz oder überwiegend auf eigenen Aktien basiert.
Ob daraus wirklich etwas wird, ist offen. Klar ist nur: Unicredit stellt sich auf, als wolle sie gleichzeitig zwei Spiele gewinnen – die Aktionäre mit massiven Ausschüttungen bei Laune halten und sich trotzdem die Tür für große Schritte im Markt offenlassen. Die nächsten Quartale werden zeigen, wie viel davon pure Disziplin ist – und wie viel Pokerspiel.

