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19. Dezember 2025

1500 Euro für zwei Lizenzen: So vergrault TeamViewer seine treuesten Kunden

TeamViewer
Foto: depositphotos.com / Piter2121

TeamViewer war in der Pandemie für viele der digitale Notausgang: Wenn keiner mehr beim Kunden aufschlagen durfte, lief der Support eben per Fernzugriff. Diese Macht hat der Konzern aus Göppingen spürbar ausgekostet – und kassiert dafür jetzt Quittungen von genau den Kunden, die ihn groß gemacht haben.

Tillmann Kühn ist so ein Typ Vorzeigekunde: selbstständig, organisiert, engagiert. Der 50-Jährige berät Firmen zu Marketing und Künstlicher Intelligenz und hält nebenbei ehrenamtlich die IT der Freien Waldorfschule Bargteheide bei Hamburg am Laufen. „Die Einrichtung hat kein großes Budget für IT – da müssen schlicht die Eltern mit anpacken“, sagt Kühn. Für solche Fälle ist Fernwartung Gold wert: Rechner, Drucker, kleine Katastrophen – alles von zu Hause aus, ohne Anfahrt, ohne Theater.

Der Moment, in dem’s kippt

Seit Ende 2024 ist bei Kühn die Luft raus. Da kam Post von TeamViewer: Für zwei Nutzerlizenzen sollte er plötzlich 1500 Euro zahlen – vorher war es „gut die Hälfte“ gewesen. Das ist nicht mehr „ein bisschen teurer“, das ist ein klarer Wink mit dem Zaunpfahl. Kühn schaute sich um, landete bei AnyDesk und wechselte Anfang 2025. „Es gibt ein paar Limitierungen, aber die große Mehrheit der Dinge, die ich benötige, funktioniert wie vorher“, sagt er.

Solche Geschichten erzählen sich IT-Berater inzwischen häufiger. TeamViewer hatte lange den Ruf: funktioniert, läuft, fertig. Große Konzerne nutzten die Software – und vor allem Hunderttausende Mittelständler, Selbstständige, Vereine. Ein Klick, und man ist auf dem entfernten PC, spielt Software auf, hilft dem Kollegen, der gerade nicht mal weiß, wo „Einstellungen“ sind.

Als TeamViewer praktisch alternativlos war

In der Coronapandemie war Fernwartung oft die einzige Option. Kein Helpdesk-Mitarbeiter fuhr mehr irgendwohin, also musste es remote gehen. TeamViewer gewann damit enorm an Marktmacht. Wer administrierte, lebte mit dem, was aus Göppingen kam: neue Funktionen, neue Oberflächen, neue Regeln. Und TeamViewer nutzte den Rückenwind – unter anderem mit saftigen Preiserhöhungen.

Symbole dieser aufziehenden Hybris – also: dieser Überheblichkeit – waren die Sponsoringdeals, die TeamViewer Anfang 2021 für Millionensummen abschloss: Formel 1 bei Mercedes, Fußball bei Manchester United. Teure Logos auf schnellen Autos und dicken Trikots – nett fürs Image, aber beim Kunden bleibt hängen: Irgendwer bezahlt das am Ende.

Beschwerden überall – und Konkurrenz, die’s leichter macht

In Internetforen und auf LinkedIn mehren sich die Klagen über TeamViewer. Brancheninsider bestätigen den Eindruck: Viele Nutzer ärgern sich über drastische Preisaufschläge, andere über dauernde Updates und einen Funktionsumfang, der eher nach Schweizer Taschenmesser aussieht – nur dass man ausgerechnet das Messer nicht findet, wenn man’s braucht.

„Lange war TeamViewer für viele Anwender alternativlos“, sagt Axel Oppermann, Analyst beim IT-Marktbeobachter Avispador in Kassel. Heute gebe es zahlreiche Wettbewerber, oft günstiger, teils sogar kostenlos. Das ist mehr als Hintergrundrauschen. Das ist der Moment, in dem ein Platzhirsch merkt: Der Zaun ums Revier hat Löcher.

Kühn kennt diesen Effekt. 2020 zog er beruflich von Hamburg nach Berlin, wollte aber die Computer der Schule weiter betreuen. „Da bot sich die Fernwartung natürlich an, denn 95 Prozent aller Probleme kann man remote lösen.“ Also installierte er TeamViewer auf den Rechnern im Schulsekretariat und am Drucker. Anfangs lief es rund. Dann wurde es zäher: Die Software wurde komplexer und unübersichtlicher. „Schließlich war es nicht mehr so einfach, zu erkennen, auf welchem Rechner welche Software läuft“, sagt Kühn.

Als dann die Preiserhöhung kam, merkte er: Plötzlich gibt es einen Markt. Sein Vergleich: Bei AnyDesk zahlt er nun rund 430 Euro pro Jahr für 20 Nutzer und 500 verwaltete Geräte. „Bei TeamViewer wären es mit vergleichbaren Konditionen fast 900 Euro“, sagt Kühn.

Mehr Funktionen, weniger Freude – und jedes Jahr teurer

Jochen Weiland hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Der Internetdienstleister aus Filderstadt, seit 23 Jahren im Geschäft, erstellt für rund 5000 Kunden aus Mittelstand und öffentlicher Verwaltung Webseiten und übernimmt Hosting. TeamViewer nutzt er seit 2010. Technisch sei das naheliegend gewesen – und funktionierte.

Doch über die Jahre kamen aus seiner Sicht die Verschlechterungen: E-Mails kündigten neue Features an, die er nicht brauchte. Gleichzeitig stiegen die Kosten. Weiland rechnet vor: 2023 zahlte er 470 Euro, 2024 knapp 630 Euro – rund 30 Prozent mehr. Ende 2024 wurde ein Preis von über 800 Euro angekündigt, noch mal etwa 30 Prozent Aufschlag. Weiland machte Anfang 2025 auf LinkedIn Schluss: „Da bin ich raus und habe soeben gekündigt“, schrieb er – und löste eine Kommentarflut aus, mehr als 200 Reaktionen, viele davon von Kleinunternehmern mit ähnlichem Frust. Heute nutzt Weiland für Fernwartung ein Tool des US-Konzerns Zoom.

Dass das kein Einzelfall-Genöle ist, stützen TeamViewers eigene Zahlen: Im jüngst abgelaufenen Quartal legte der Umsatz insgesamt um drei Prozent zu. Die Sparte „Enterprise“ – das ist der Großkundenbereich, wo die dicken Verträge laufen – wuchs aber um 18 Prozent. Heißt im Umkehrschluss: Bei kleineren Kunden läuft es deutlich zäher.

In der Telefonkonferenz mit Analysten räumte CEO Oliver Steil einen „stärkeren Preisdruck im Einstiegssegment“ ein. Er wolle die „Kundenzufriedenheit wieder in den Mittelpunkt stellen“ und Preiserhöhungen vorerst aussetzen. „Wir hatten drei Jahre lang Preiserhöhungen, das mussten wir korrigieren“, so Steil.

Auf Anfrage betont eine Sprecherin des Konzerns: TeamViewer wachse seit Jahren kontinuierlich über alle Kundengruppen hinweg – auch bei kleinen und mittelständischen Unternehmen sowie bei Großkunden, jeweils mit branchenüblichen Abwanderungsraten.

Wenn ein Update plötzlich den Laden lahmlegt

Wie hart so etwas eskalieren kann, zeigt Patrick Frey. Sein IT-Dienstleister RockIT in Zürich ist seit 2005 TeamViewer-Kunde, wenige Monate nach Gründung des Anbieters. „Zuletzt haben wir damit rund 1500 Rechner gewartet“, sagt Frey. Auch er registrierte, wie die Software aus seiner Sicht „von Release zu Release“ schlechter wurde. Release heißt hier schlicht: neue Version. Die Oberfläche änderte sich häufiger, Funktionen verschwanden, Menüpunkte waren plötzlich wie umgeräumt.

Dazu kamen neue Softwareversionen mit geänderten Lizenzbedingungen – und mit neuen Nutzungslimits, also Grenzen, ab wann TeamViewer sagt: Stopp, jetzt wird’s teuer. Vor etwa drei Jahren musste RockIT eine neue Version installieren. Von TeamViewer habe es geheißen, es werde sich nichts ändern, sagt Frey. „Doch weit gefehlt: Wir landeten dadurch oberhalb einer zuvor gar nicht vorhandenen Nutzungsgrenze.“

Die Folge: TeamViewer wurde komplett gesperrt – für einen IT-Dienstleister praktisch ein Schlag in die Magengrube. „Wir konnten von der einen Minute auf die andere unsere Kunden nicht mehr supporten – uns wurde von TeamViewer so wirklich das Messer an den Hals gesetzt“, sagt Frey. Sein Vorwurf: TeamViewer habe ihn so in einen teureren Vertrag drücken wollen, quasi „durch die Hintertür“ Zusatzlizenzen verkaufen.

Frey und seine Leute zogen eine Nachtschicht durch und stellten die Software auf eine alte Version zurück, um das Limit loszuwerden und wieder arbeitsfähig zu sein. „Das hat viel Vertrauen zerstört“, sagt Frey. Auf Dauer blieb er aber nicht: RockIT arbeitet inzwischen mit Splashtop, einer Software des gleichnamigen US-Anbieters. Er habe gründlich getestet, damit die Performance stimmt und die Umstellung sauber läuft. Für Frey hat es sich gelohnt: Splashtop koste ihn rund halb so viel wie TeamViewer zuvor.

Ein weiterer Punkt: Splashtop kann auf eigenen Servern betrieben werden. Übersetzt für Nicht-Techniker: Man hängt nicht komplett am Anbieter, wenn dort mal was ausfällt. Frey sagt, Ausfälle habe es bei TeamViewer häufiger gegeben. Seine TeamViewer-Lizenzen liefen im September ab. RockIT fuhr die Systeme bei der Umstellung bewusst parallel – falls etwas schiefgeht. Tat es nicht. „Bei vielen haben regelrecht die Sektkorken geknallt, als sie TeamViewer deinstalliert haben.“

Zum Schluss noch einmal zurück zu Kühn: Bei ihm schwingt sogar etwas Wehmut mit. AnyDesk habe immer mal wieder Netzwerkprobleme – das belaste dann seine eigenen Rechner, wenn gerade Fernwartung nötig sei. „Dieses zusätzliche Problem konnte ich nicht gebrauchen“, sagt er. Sein AnyDesk-Vertrag läuft noch bis Februar. Danach will er mit allen Anwendern auf RustDesk umziehen – eine Lösung auf Open-Source-Basis, also Software, deren Code offenliegt und die nicht komplett an einen einzelnen Anbieter gekettet ist. Entscheidend wird sein, ob TeamViewer aus der Kundenwut mehr macht als ein kurzfristiges „Wir hören euch“ – denn der Markt hat längst gelernt, dass Fernwartung auch ohne Göppingen funktioniert.