Während der Dax in diesem Jahr fast im Rekordmodus läuft, rutscht der Kern der deutschen Wirtschaft immer tiefer in die Krise. 18,5 Prozent Kursplus bei den 40 größten börsennotierten Konzernen – aber in den Werkhallen und Büros im Inland herrscht Abkühlung statt Aufbruch.
Laut bislang unveröffentlichten Zahlen auf Basis von Rohdaten des Statistischen Bundesamts, ausgewertet von EY, schrumpften die Umsätze der deutschen Industrie im dritten Quartal um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 525 Milliarden Euro. Und das ist kein Ausrutscher: Im Vergleich zum dritten Quartal 2022 liegen die Erlöse schon 6,2 Prozent niedriger, seit dem dritten Quartal 2023 geht es in jedem Dreimonatszeitraum weiter bergab. Betroffen sind rund 22.000 Firmen mit mindestens 50 Mitarbeitern – also der industrielle Mittelbau, nicht irgendeine Randgruppe.
Glänzende Kurse, miese Realität
Besonders hart trifft es ausgerechnet die Paradebranche: Die Autoindustrie verzeichnete im dritten Quartal ein Umsatzminus von 3,2 Prozent. Wer den Sektor lange als Selbstläufer gesehen hat, muss umdenken. EY-Manager Jan Brorhilker bringt es trocken auf den Punkt: Die Industrierezession hält an, eine Trendwende ist nicht in Sicht. Rezession heißt: Die Wirtschaft schrumpft, und das ist inzwischen eher Dauerzustand als kurze Delle.
Die Gründe sind eine ziemlich unappetitliche Mischung: Zu wenig Binnennachfrage, zu wenig Investitionen, hohe Energiepreise, hohe Lohnnebenkosten – also das, was Unternehmen zusätzlich zum Bruttolohn berappen müssen. Dazu kommen neue Handelsbarrieren, sprich: Zölle. Besonders bitter ist der Blick in die USA, den wichtigsten Absatzmarkt deutscher Unternehmen. Dorthin brachen die Exporte im zweiten Quartal bereits um zehn Prozent ein, im dritten Quartal weitete sich das Minus auf 16 Prozent aus. Haupttreiber: von der US-Regierung unter Donald Trump eingeführte Zölle, die für EU-Produkte im Schnitt bei 15 Prozent liegen; bis 2024 waren es noch 2,5 bis 5 Prozent. Höhere Zölle bedeuten schlicht: deutsche Ware wird teurer und verliert gegen die Konkurrenz.
Auch China, die zweite große Hoffnung vieler Manager, schwächelt. Die Ausfuhren dorthin sanken im dritten Quartal um acht Prozent. China ist im Ranking der Exportmärkte auf Platz acht abgestürzt – vor fünf Jahren war das Land noch die Nummer zwei. Wer hier nicht nervös wird, hat die Lage nicht verstanden.
Job-Kahlschlag in der Industrie
Die Rechnung landet bei den Beschäftigten. Zum 30. September lag die Zahl der Industriearbeiter und Angestellten 2,2 Prozent unter dem Vorjahreswert – 120.300 Jobs weniger in nur zwölf Monaten. Seit 2019 wurden unterm Strich 271.700 Stellen gestrichen, ein Minus von 4,8 Prozent. Anders gesagt: Fast jeder zwanzigste Industriejob ist weg.
In der Autoindustrie sieht es noch düsterer aus: minus 6,3 Prozent Beschäftigung binnen eines Jahres, 48.800 Jobs weg. Gegenüber dem Vorkrisenjahr 2019 schrumpfte die Belegschaft um 112.000 Stellen, das sind 13 Prozent – nahezu jeder siebte Job. Auch andere große Branchen dünnen aus: Metallerzeugung und -bearbeitung minus 5,4 Prozent, Maschinenbau minus 2,2 Prozent, Chemie minus 1,2 Prozent, Kunststoffindustrie minus 2,6 Prozent, Hersteller von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen minus 3,0 Prozent, Produzenten von Metallerzeugnissen minus 2,5 Prozent. Einziger Lichtblick: die Nahrungsmittelindustrie, hier stieg die Beschäftigung um 1,8 Prozent auf 510.500 Mitarbeiter. Essen geht immer.
Der Stellenabbau läuft erst an
Brorhilker warnt: Der Stellenabbau ist noch längst nicht durch. Gewinne brechen ein, Überkapazitäten drücken, Zölle und schwache Auslandsmärkte tun ihr Übriges. Sparprogramme werden vor allem dort durchgezogen, wo viele gut bezahlte Jobs sitzen – in den deutschen Verwaltungen, in Forschung und Entwicklung. Viele Konzerne setzen auf Altersteilzeit und Abfindungen; der statistische Effekt kommt zeitverzögert, der Kahlschlag läuft im Hintergrund weiter.
Die Liste konkreter Beispiele ist lang: VW will bis 2030 allein in seinen zehn deutschen Werken 35.000 Stellen streichen. Bosch plant bis 2030 in der Mobilitätssparte 22.000 Jobs an deutschen Standorten abzubauen. Beim Zulieferer Mahle fallen 1000 Stellen weg. Ja, die Rüstungsbranche brummt, und manches Profil passt dorthin. Aber die Zahl der neuen Jobs reicht bei weitem nicht, um das Loch zu stopfen.
Auch der Maschinenbau steckt fest. Laut aktuellem Maschinenbau-Barometer von PwC blickt nur noch jeder fünfte Manager optimistisch auf die deutsche Wirtschaft. Die geschätzte Kapazitätsauslastung liegt mit 80,8 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit der Hochphase der Coronapandemie – weit entfernt von Vollauslastung.
Eine Umfrage des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt: 36 Prozent der Unternehmen wollen im kommenden Jahr Stellen streichen, in der Industrie sind es 41 Prozent. Das Ifo-Beschäftigungsbarometer fiel auf 92,5 Punkte, den niedrigsten Wert seit über fünf Jahren. Ifo-Experte Klaus Wohlrabe spricht von anhaltenden Stellenstreichungen – die schwache Konjunktur schlägt voll auf den Arbeitsmarkt durch.
Abwanderung: Raus aus Deutschland, rein in die USA
Parallel dazu denken viele Unternehmen laut über Produktionsverlagerungen nach. Eine aktuelle Befragung von Deloitte und BDI unter 148 Verantwortlichen für Lieferketten im produzierenden Gewerbe zeigt: 68 Prozent der Industriebetriebe planen in den nächsten zwei bis drei Jahren, ihre Fertigung ganz oder teilweise zu verlagern – wegen der Zölle und der hohen Kosten. Wichtigste Zielregion außerhalb Europas: die USA. 26 Prozent der Befragten wollen dorthin gehen.
Chemieriese BASF macht vor, wie das aussieht: Im Stammwerk Ludwigshafen wurden besonders energieintensive Grundchemikalien heruntergefahren und Anlagen geschlossen, während in China und den USA investiert wird. VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup berichtet von einer durchschnittlichen Auslastung der Branche von 70 Prozent – zu wenig, um die Anlagen profitabel zu betreiben. Weil chinesische Chemie wegen der Zölle nicht mehr in die USA kann, überfluten Anbieter den europäischen Markt. Deutschland ist dabei „das teuerste Pflaster für industrielle Wertschöpfung in der westlichen Welt“: In den USA kostet Strom nur rund ein Viertel so viel wie hier.
Europa als Resthoffnung – und die Dax-Elite
Ganz schwarz ist das Bild trotzdem nicht. In wichtigen europäischen Märkten läuft es besser: Die Exporte in die Euro-Zone stiegen im dritten Quartal um 2,3 Prozent, nach Frankreich sogar um sechs Prozent, in die Niederlande um acht Prozent. Kürzere Lieferketten, zollfreier Handel – das hilft den exportstarken deutschen Firmen. Dazu kommen massive Investitionen in Europa in Digitalisierung, Automatisierung und grüne Technologien. Der „Green Deal“ der EU schiebt Nachfrage in klassischen deutschen Schlüsselbranchen wie Maschinenbau, Elektrotechnik und Energietechnik an.
Auch die Finanzierungsbedingungen werden etwas freundlicher: Die Europäische Zentralbank hat seit Juni des vergangenen Jahres achtmal die Leitzinsen gesenkt – von vier auf zwei Prozent. Kredite werden wieder günstiger, Staaten und Unternehmen können Investitionen leichter stemmen.
Und die großen Konzerne? Die spielen ihre internationale Stärke aus. Der hohe Internationalisierungsgrad und die guten Handelsbeziehungen in Europa sind für die deutsche Industrie insgesamt ein Plus, für die Dax-Schwergewichte ein dicker Bonus. Für 2025 zeichnet sich nach den Neun-Monats-Zahlen und Analystenschätzungen ein Nettogewinn von 115 Milliarden Euro bei den 40 Dax-Konzernen ab – nur sieben Prozent unter dem Rekordjahr 2021. Während also der Standort Deutschland seit drei Jahren zwischen Rezession und Stagnation hängt, verdienen die globalen Champions weiter ordentlich.
Die offene Frage lautet: Reicht diese Stärke der Großen, um den Standort aus der Abwärtsspirale zu holen – oder leben Konzerne und industrielle Basis immer weiter in zwei unterschiedlichen Welten? Die Antwort entscheidet, ob Deutschland Industrieland bleibt oder zum Hochlohn-Zulieferer ohne eigenen Maschinenraum wird.

